In der Region um Kitzbühel hat man schroffe Berge im Süden und Osten, den Wilden Kaiser im Norden – und dazwischen, einen netten Teil der Kitzbühler Alpen mit Grasbergen.

Die Hohe Salve ist der höchste Punkt dort und bietet einen dementsprechend schönen Rundumblick.

Sonnwend-Bergfeuer

In diesen Teilen der Alpen wird die Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres, mit Bergfeuern gefeiert, was ich als Grund nahm, schnell einmal hierhin zu fahren.

Es gibt eindrucksvollere Sonnwendfeuer in der Zugspitzregion von Tirol. Dieser Teil der Alpen ist allerdings mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwerer erreichbar, und ich hatte nur eineinhalb Tage des Wochenendes zur Verfügung.

Nach Oberstdorf bei Kitzbühel zu kommen war hingegen eine einfache Zugfahrt.

Früh losgefahren von zu Hause mit dem ersten Zug konnte ich schon um Mittag, nach dem dritten Zug, loswandern.

Die Wanderwege dort bieten eine Möglichkeit, einen diesen Teil der Kitzbühler Alpen fast komplett zu durchqueren, mit Blick auf den Wilden Kaiser und zu den schrofferen Bergen von Kitzbühel, um die Wanderung in Hopfgarten zu beenden.

Die Stadt ist nicht nur auf der anderen Seite der Berge dort, sie ist auch eine Stadt, durch die dieselbe Zuglinie, mit der ich gekommen war, fährt.

Routenplanung… und wie es mit Plänen so geht

Natürlich schaffte ich es wieder einmal, eine Route geplant zu haben (bzw. per App geplant zu bekommen), die nicht ganz so begangen werden konnte, wie von Apps ausgespuckt.

Apps für Routenplanung machen so etwas recht oft, wenn sie Wegen folgen, die ihren Daten zufolge gut sind, aber tatsächlich zum Beispiel keine öffentlichen Wege sind – oder manchmal, nicht einmal Wege.

Ich beschloss ausserdem, einmal unterwegs, dass eine Verkürzung der Tour gut wäre.

Mein Plan war, von Oberstdorf über den Rauhen Kopf wieder hinunter nach Ellmau am Fuss des Wilden Kaiser zu wandern, dann wieder hinauf zum Hartkaiser zu gehen, dann erst hinüber und hoch zur Hohen Salve.

Der Tag war allerdings nicht nur der längste des Jahres, sondern auch extrem sonnig und heiss. Genug, dass ich lieber keine Rekorde brechen wollte (als ob ich das könnte), sondern lieber nur die Landschaft und die Bewegung geniessen wollte.

Das ist nicht die Route, die du suchst

So ging ich, als sich herausstellte, dass die geplante Route nach Ellmau keine wirklich nutzbare Route war, nach dem Rauhen Kopf lieber – mit etwas Querfeldein – zurück auf einen Wanderweg vom Rauhen Kopf zum Hartkaiser.

Mit etwas Glück und ein klein wenig Ahnung von den potentiellen Wegen musste ich wenigstens nicht wieder den ganzen Weg hoch auf den Rauhen Kopf.

Selbst das wäre besser gewesen, als den steilen Hang neben einer Wiese, auf der laut App ein Weg hätte sein sollen, die aber mit Stacheldraht abgezäunt war, weiter hinunter zu klettern!

Selbst in der Hitze, und besonders im Versuch, eher langsam und leicht unterwegs zu sein, war es eine Freude, draussen und unterwegs zu sein.

Bergwiesenwege und weite Blicke

Viele der Wege hier gehen über Almwiesen; manche über Holzplanken über sumpfige Bereiche mit wunderbaren Wildblumen; manche auch durch Waldstücke.

An manchen Teilen verlangt der Weg alle Aufmerksamkeit und man bemerkt nicht viel mehr als den Weg vor den eigenen Füssen; an manchen Abschnitten kommt man auf Gipfel und Kämme mit weitem Blick auf die rauhen, steilen Flanken des Wilden Kaisers.

Es war ein wunderbares Vorankommen, gerade auch, weil es so schön entspannt war. Die Aufstiege liessen mein Herz ordentlich pumpen, mehr als es das für gutes Training sollte. Aber ich wollte nun einmal um die Zeit des Sonnenuntergangs, spät wie diese sein würde, auf der Hohen Salve sein.

Auf einem frühen Anstieg bedeutete das, dass ich mich genüsslich auf eine Bank dort sass, einen kleinen Snack essend den Ausblick genoss… und natürlich, simpel und glücklich wie ich schliesslich bin, mir vorstellte, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn ein Asteroid auf diese Berge niedergehen würde…

Auf einem netten Pfad, der zwischen Wiese und Wald hinein- und hinaus-mäanderte, war endlich die richtige Zeit dafür gekommen, auch einmal meine DJI Mini 2 fliegen zu lassen, statt sie nur (wie schon so oft) die gesamte Wegstrecke mit zu tragen.

Läuft wie… geschwommen

Vorbei an immer neuen Wasserreservoirs (für die Schneekanonen auf den Skipisten, in welche sich diese Wiesen wohl im Winter verwandeln), fühlte sich das Nass immer einladender an… aber was ich am Weg fand, war doch unerwartet: Am letzten Anstieg zur Hohen Salve liegt doch tatsächlich ein solcher kleiner ‚See‘, der ausnahmsweise einmal nicht umzäunt und mit Schwimm-Verbotsschildern versehen ist.

Vielmehr kommt man zuerst an einem kleinen Wasserspielplatz für Kinder vorbei – und dann am ‚See‘ selbst, der zum Schwimmen einlädt. Ein Blick auf die Zeit – immer noch lange bis zum Sonnenuntergang. Die mentale Checkliste meiner Ausrüstung – Ja, ich hätte trockene Unterwäsche, in die ich wechseln kann.

Also raus aus dem Gewand bis auf meine Unterhose und… na ja, schön langsam und zögernd in das kalte Wasser.

Es war nicht einmal so kalt, wie viele Bergbäche und Seen, aber immer noch kalt genug. Aber auch so, so erfrischend!

Geh! Langsam!

„Fastest known times“, „fastest own times“… so sehr ich solche Ideen auch mag, vor allem die letztere, so nett war es, auch einmal ganz darauf zu vergessen, wo sein zu müssen, wohin kommen zu müssen, schnell genug zu sein.

Am Gipfel der Hohe Salve mit seiner (Ski-)Hütte war ich trotzdem immer noch schnell genug, lange vor Sonnenuntergang. Ein paar Leute waren schon dort oben. Und prompt war darunter ein Bekannter von mir und ebenfalls begeisterter Trailläufer, der in der Region lebt.

Endlich einmal haben wir uns also, und dann noch dazu per Zufall, draussen in der Natur gesehen, nicht nur auf einer Outdoor-Sportmesse oder virtuell auf Instagram.

Mit Plauderei verging die Zeit, die Sonne ging unter, Essen wurde genossen. (Wenn ich schon einmal in Tirol und auf einer Hütte mit ganz gutem lokalem Essen bin, dann nähre ich mich natürlich so. Und seit ich sinnvolle Arbeit habe, kann ich mir das auch leisten.)

Die Seilbahnen auf die Hohe Salve brachten mehr und mehr Leute zu dieser ersten Sonnenwendnacht ohne schlechtes Wetter oder strenge COVID-Restriktionen seit Jahren. Das war auch direkt das erste Mal seit längerem, dass ich eine ziemliche Menschenmenge (ausserhalb von öffentlichen Verkehrsmitteln) sah.

Sonnwendfeuer auf den Bergen

Mit dem dunkler werdenden Himmel wurde auch das Sonnwendfeuer auf diesem Gipfel angezündet; Feuer im Tal und auf Bergen rundum wurden sichtbar.

Frei heraus gesagt waren sie nicht so wahnsinnig beeindruckend; die UNESCO-Weltkulturerbe-Sonnwendfeuer wären dann doch jene in der Zugspitzregion.

Sie waren trotzdem schön zu sehen, interessant in ihrem Kontext zu bedenken.

Wir lassen und immerhin viele solcher Traditionen, die uns mit der Welt und dem Vergehen der Jahreszeiten verbinden, verlieren. Es ist nicht gut für uns. Wenn wir Praktiken vergessen, die Verbindungen fördern, die Zeit in natürlicher Art strukturieren und Menschen in der Natur zu gemeinsamen Erlebnissen zusammenbringen, dann verlieren wir ein wenig von unserer Menschlichkeit.

Natürlich können Traditionen auch beengen oder zu Touristenspektakeln verkommen, ihren früheren Sinn verlieren.

Es liegt aber an uns, Gutes aus Traditionen zu machen – ebenso wie aus moderner Technologie. Genauso mit Körper und Geist.