Umso mehr ich von Biologie gelernt habe, umso vermaledeiter scheint das Leben. Die Erfahrungen, die man beim Älterwerden gemacht hat, die tun das ihre…

Was, ich soll mich sorgen?

Die meisten Menschen scheinen so zu leben, als wäre die Welt einfach wie sie ist, ein Körper – ihr Körper – einfach am Funktionieren.

Wenn irgendwas passiert, dann muss halt irgendwer das reparieren.

Wahrscheinlich ist es besser für die geistige Gesundheit, sich weniger zu sorgen.

Wie das Argument bei den – Stoikern? Buddhisten? – meint, „Solange ich bin, ist mein Tod noch nicht eingetreten, also muss ich mich darum nicht sorgen. Bin ich tot, dann bin ich nicht mehr, also kann ich mich dann nicht mehr sorgen.“ Oder so ähnlich.

Lernt man allerdings genug von Biologie, dann wird alles etwas komplizierter.

Puls, Puls… Kein Puls?

Bei allem, was ich rund um das Thema Sport – und Daten dazu – so gemacht habe, da geht es oft um den Herzschlag.

Das alleine wäre schon besorgniserregend ein Thema, wenn man nur davon gehört hat, dass immer wieder jemand bei einer Laufveranstaltung Herzprobleme erleidet und daran verstirbt.

(Schon die Legende um den allerersten Marathon besagt bekanntlich, dass ein Bote diese Distanz gelaufen ist, seine Nachricht vom griechischen Sieg über die Perser noch übermitteln konnte und dann prompt an Erschöpfung gestorben ist. Herzinfarkt?)

Dann sieht man sich noch weiter das Thema Herzfrequenzzonen an und beschäftigt sich mit Ausdauertraining, das hauptsächlich durch diese gesteuert werden soll.

Man findet Resultate über seinen Erholungszustand und Trainingseffekt, die auf der Herzfrequenzvariabilität beruhen.

Man gerät in Diskussionen rund um den Minimalpuls beim Schlaf und andernfalls, und darum, was dieser über den Gesundheitszustand aussagen könnte.

Leitungsssytem des Herzens. Quelle: Anatomy & Physiology, Connexions Web site. http://cnx.org/content/col11496/1.6/, Jun 19, 2013.

Tja, und dann muss man nur noch genug Biologie studiert haben, um genau gelernt zu haben, wo das elektrische Signal, das den Herzmuskeln den Befehl zur Kontraktion gibt, entsteht.
Wie es sich von einem Teil des Herzens zum nächsten ausbreitet, um genau die richtigen Muskeln, in der richtigen Reihenfolge, zu enervieren, um richtig funktionierende Kontraktionen zu produzieren.

Es ist kaum zu glauben, dass das alles üblicherweise so funktioniert, wie es das soll. So lange, wie es das tut, ohne Unterlass, ohne Zusammenbruch. Und natürlich kommt irgendwann der Zusammenbruch.

Alles Noch Komplizierter…

All das ist dann auch nur ein kleiner Teil der Komplexität des menschlichen Körpers.

Sieht man auf so etwas genauer, dann wird das ganze Gerede rund um Lebensverlängerung und Designer-Modifikationen der DNA eher lächerlich.

Dinge wirken und interagieren zu so einem Ausmass zusammen, es ist kaum anzunehmen, dass Änderungen an einem Ort keine unerwünschten Nebenwirkungen andernorts produzieren werden.

Es ist schon schwer genug, bei genug Wissen um die Komplexität und die Möglichkeiten, was da alles schiefgehen könnte, darauf zu vergessen, wie leicht Dinge schiefgehen können.

Oh Death

2020 war in dem Kontext ein besonders gutes-schlechtes Jahr.

Natürlich war da eben COVID-19. Viele wollen es als etwas, was doch „nur die Alten und Schwachen“ träfe, wenig ernst nehmen, aber das ist wohl keine gute Art, zu denken und zu leben. Noch dazu, wo die Krankheit nicht nur „solche Leute“ trifft.

COVID-19 hat in meinem Umfeld keine Opfer produziert.

Dafür ist mein Schwiegervater an Krebs gestorben. Er war eine der lebensfrohesten Personen, die ich je getroffen hatte. Immer bereit, neues zu entdecken, etwas zu unternehmen. Bis dahin, dass ein kleines Anzeichen möglicher Probleme nicht ernst genommen wurde. Dann war er im Spital. Dann tot.

Meine Frau und ich waren dieses Jahr auch in freudiger Erwartung… und dann plötzlich nicht mehr.

Es Muss Funktionieren…

Natürlich kann man auf Biologie auch sehen und evolutionär argumentieren, dass die Dinge – ein Organismus, das Leben insgesamt – gut genug funktionieren müssen. Oder sie würden schliesslich nicht bestehen.

Oft denke ich, dass viele der Dinge, die wir als möglich gefunden haben – und so viel, bei dem Leute den Schluss ziehen, die Warnungen rund um ökologischen Kollaps wären alle nur überzogen (weil sie doch bisher nie eingetreten sind) – eigentlich nicht zeigen, was wir alles tun können.

Vielmehr zeigt das alles bloss, wie stark biologische Systeme und Ökosysteme sich in Richtung Resilienz entwickelt haben.

Vieles kann also schief gehen, und das Leben geht trotzdem weiter.

… Aber Nicht für Individuen

Dieses ökologisch-evolutionäre Denken sagt aber auch, dass wir als Individuen absolut nichts bedeuten.

Biologie, als die Fortsetzung des Lebens, ist ein reines Spiel der Statistik. So lange genug Individuen einer Art überleben, so lange gibt es diese Art halt. Bis dem nicht mehr so ist.

Solange es Leben gibt, solange gibt es Leben – und in diesem Zusammenhang gibt es keinen anderen Sinn des Lebens als das Leben. Jetzt. Und durch Nachkommen.

Kein individuelles Leben ist dabei je von Bedeutung (zumindest bis es eines der zu vielen ist, die es in der Statistik von Bedeutung werden lassen).

Zu Schlafen, Vielleicht Wieder Aufzuwachen

Tja. So schlafe ich ein mit dem Gedanken, dass ich auch nicht wieder aufwachen könnte.

Mit der Bewusstheit darüber, dass mein Leben im Hinblick auf die Gesellschaft und die Geschichte, geschweige denn in längeren Zeiten gedacht, absolut nichts zu bedeuten hat.

Dann aber wache ich wieder auf, dankbar dafür, wieder aufgewacht zu sein.

Ich weiß, dass meine Träume und Wünsche für die Welt und die Zukunft weniger – oder eher, noch weniger als gar nichts – zu bedeuten haben. Ich bin mir dessen bewusst, dass mein Leben praktisch jederzeit enden könnte. Nicht nur mein Leben, sondern sogar das Leben.

Eines Tages wird dem auch so sein.

Leben in die Jahre…

In dieser Bewusstheit der Vergänglichkeit – und wohl auch gerade wegen ihr – möchte ich aber erst recht tun, was ich tun will.

Auf „Entdeckungsreisen“ in die Berge oder in ferne Länder, auf Mikroexploration meiner Selbst und meiner Umgebung zu verzichten, könnte sicherer sein. Und dann könnte die nächste Strassenkreuzung statt der nächsten Bergüberschreitung mich das Leben kosten.

Besser also, man lässt sich auf die Risiken ein, die man liebt, als das Leben wegen seiner Unwägbarkeiten aufzugeben.

Ich habe keine Ahnung, ob ich auch nur mehr der Gedanken und Ideen, die ich gerne besser zum Ausdruck bringen könnte, jemals zu Papier, an Pixels, bringen werde – irgendwohin, wo sie mit anderen geteilt werden könnten.

Schon gar nicht weiss ich, ob ich sie jemals in eine Form bringen werde, in der sie geteilt werden würden und einen Effekt in der Welt haben könnten – sollte irgendjemand sie es wert finden, sich mit ihnen zu beschäftigen.

In der Zwischenzeit aber ist es mein Leben, das nächste Essen zu kochen, einen Lebensunterhalt zu verdienen, über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Chilli zu informieren und zu versuchen, für die Lösung ökologischer Probleme hier auf der Erde und Wege, lebendige Vielfalt hinaus in das Universum zu tragen, einzutreten.

Nicht alles davon ist ein Vergnügen, vieles davon ist einfach notwendig. Selbst die inspirierendste Person hat auch grundlegende Bedürfnisse. Selbst die größte Leidenschaft hat ihre unangenehmen Seiten. Selbst Götter werden irgendwann vergessen.

Das Leben, das wir jetzt haben, solange wir es haben – das aber ist *das* Leben.

Es gibt nichts, außer es zu leben.