Die Normalität des Jahres 2020

2020 scheint weit entfernt von der Normalität. Es ist aber weniger ein Bruch mit der Normalität als mit jüngeren Erfahrungen. Es ist eine Rückkehr zur Normalität der längsten Zeit.

Nicht normal?

Ausgangssperren, soziale Isolation und stressauslösende Interaktionen auf sozialen Medien sind nicht gerade das übliche.

Masken (jaja, Mund-Nasen-Schutz) als neue Modeaccessoires, und Masken, denen nachgesagt wird, sie würden Männer emaskulieren und Freiheit zerstören – das ist nicht gerade normal.

Vor allem aber fühlt sich das alles nicht normal an. Richtiger und viel bezeichnender aber ist es  unangenehm.

Unangenehm, Unbequem – Normal

In all dem, was sich im Vergleich zu den letzten Jahren (bis Jahrzehnten) geändert hat, da sehen wir jetzt weniger einen Bruch mit der Normalität als einen Bruch mit den Normalitäten der jüngeren Zeit.

Woran wir uns über die letzten Jahre gewöhnt hatten, das ist jetzt nicht mehr so einfach möglich.

Das hat uns wohl aus unserer Bequemlichkeit gerissen, aber es ist eine Rückkehr bloss zu dem, was über lange Zeitläufe normaler gewesen ist als die letzten Jahre. Für einen Gutteil der Menschheitsgeschichte nämlich.

Die Ungewissheit des Lebens, beängstigende Risiken, die eintreten oder nicht eintreten könnten, dass das Leben unheimlich zerbrechlich und nur zu leicht zu zerstören ist… Das ist kein Bruch mit der Normalität. Das ist Normalität.

Die Dinge sind anders…

Die durchschnittliche Lebenserwartung ist, sogar weltweit, höher als sie es früher war.

Wir können mit höherer Gewissheit erwarten, es bis in ein hohes Lebensalter zu schaffen, als je zuvor.

Die Chancen sind besser, dass Kinder ihre jungen Jahre überleben werden und dass Frauen als Mütter überleben werden, nicht im Kindbett sterben.

Mit besserer Nahrungsversorgung und weiter entwickelter Medizin sind die Chancen hoch, fettleibig zu werden und an Zivilisationskrankheiten zu leiden, mit ihnen aber dennoch lange zu leben.

Die Chancen, aktiv zu bleiben und es gut bis in ein hohes Alter zu schaffen stehen aber auch gut.

Und doch ist da immer, dennoch, das Risiko, dass dem nicht so sein wird.

…Aber Leben endet.

Krankheiten, reduziert wie ihr Einfluss dank besserer Hygiene und dank Impfungen geworden ist, sind immer noch eine Gefahr. Auch ohne Krankheit, als die gesündeste Person rundum, könnte man aus heiterem Himmel in einem Unfall umkommen.

Das Leben ist stets flüchtig, stets kurz. Selbst wenn es sich als lang herausstellen sollte, sicher vorhersagbar ist es nicht.

Unsicherheit ist sicher

In solchen Belangen ist unser Wissen auch immer limitiert. Wir kennen die Statistiken, die Durchschnittswerte – aber sie geben eben auch nur eine Wahrscheinlichkeit, eine Möglichkeit, niemals aber Gewissheit.

Man könnte die gesündeste Person rundum sein, und dann doch an einer zuvor unbekannten allergischen Reaktion auf einen Bienenstich oder ein Kopfschmerzmittel sterben. Statistisch wahrscheinlich ist das nicht, aber auch nicht unmöglich.

Gerade in der Medizin sind wir Menschen zu unheimlich viel fähig geworden.

Wer eine Herztransplantation braucht und auf der Liste an Empfängern nicht hoch genug steht, für den war’s das dennoch.
Ein Problem mit der Kompatibilität mit dem Spenderorgan, das war’s.
Krebs, der auf Behandlungen nicht gut anspricht, und das war’s wahrscheinlich.

Vorsorgeuntersuchungen auf Krankheiten helfen, aber nicht alles kann im Vorhinein überprüft werden, und nicht alles wird im Vorhinein gefunden werden.

Nicht alles lässt sich behandeln.

Behandlungen wirken, statistisch betrachtet, so gut, wie sie es tun. Das bedeutet aber nicht, dass sie für dich oder mich ebenso gut wirken würden, wie sie dies im Durchschnitt tun.

Wahrscheinlich wird man das ohnehin nie herausfinden müssen, wenn man etwas Glück hat. Vielleicht wird man das nicht herausfinden, weil einen etwas anderes früher aus dem Leben reisst.

Neue Unsicherheiten

Einer neuen Krankheit wie COVID-19, verursacht von einem neuen Virus wie SARS-CoV-2, ausgesetzt zu sein bedeutet auch nicht, dass die Wissenschaft versagt hat und wir zurück zu Gläubigkeit sollten.

Dass sich selbst medizinische Experten über die exakten Zahlen und Auswirkungen einer solchen Infektion streiten, nicht einfach so eindeutig sagen können, wie schlimm genau es denn nun wirklich wäre – oder auch nur, wie genau sich die Krankheit verbreitet und wie also die Risiken minimiert werden können – das ist alles kein Versagen der Wissenschaft.

Auch Normalität

Es ist Wissenschaft, und es ist Normalität, dass wir vieles erst im Nachhinein genauer verstehen. Mit mehr Erfahrung. Wenn wir es alles in verschiedenen Kontexten und näher betrachten können, aber nicht gerade mitten drin in den Problemen damit stehen.

Eingeschränktes Wissen ist auch keine seltsame neue Gefahr, vor der man sich abwenden müsste. Auch das ist Normalität. (Und es ist auch, warum man besser auf der Seite der Vorsicht irren sollte.)

Freiheit? Beschränkt normal

Eingeschränkte Möglichkeiten sind ebenso normal.

Das wir in den letzten Jahren relativ problemlos um die Welt reisen konnten, einfach so nach Lust und Laune, auf ein schnelles Wochenende über den Ärmelkanal oder gar den Atlantik, das ist ganz und gar nicht normal.

Reisen sind die längste Zeit mit Schwierigkeiten, mit Gefahren sogar, verbunden gewesen und es, zumindest teils, geblieben.

Reisen einfach so zum Spass, ohne besondere Sorgen, All-Inclusive und durchorganisiert – und genervt von jeder Kleinigkeit, die nicht genau nach den eigenen Vorstellungen läuft, das ist abnormal.

Reisen anhand der Fotos anderer, bloss für eigene Fotos derselben Art an denselben Orten, das ist etwas seltsam.

Anstrengung und Sorge, das ist die Normalität.

Reisen sind Entdeckungsfahrten – oder Geschäftsmöglichkeiten oder anderes – mit ungewissem Ausgang. Mit Auf und Ab. Das macht sie ja erst zu interessanten Erfahrungen, an denen man wachsen kann.

Die Reise des Lebens

Das Leben insgesamt ist eine Entdeckungsreise dieser Art. Mit bekannten Stationen entlang des Weges, aber auch voller Ungewissheit. Stets flüchtig. Immer bedroht. Mit Glück und Unglück.

Das macht es ja gerade so wertvoll, auch wenn wir darauf unter all dem alltäglichen Druck – und den alltäglichen Freuden – so gerne vergessen.

Die Menschheit ist in dieser Hinsicht ohnehin in einer seltsamen Lage. Wir sind uns unserer Sterblichkeit bewusst, und so müssen wir Wege finden, mit diesem Wissen umzugehen.

Danach zu streben, alle Risiken zu minimieren, eine Normalität bequemlicher Abgestumpftheit zu haben aber? Das kann wohl kaum der richtige Weg sein.

Brot und Spiele

Diese Leichtigkeit des Lebens, diese Bequemlichkeit des Konsumerismus, die nicht wirklich glücklich macht, aber genug Ablenkung bietet, um von all ihrem Unglück abzulenken – das ist es, was einige Jahre bis Jahrzehnte vor 2020 unsere Normalität geworden war – und das schon nur mehr oder minder so.

Aber doch nur zu oft mit dem Wunsch, die Welt möge sich doch gefälligt nach den eigenen Vorstellungen gestaltet zeigen. Und mit sofortiger Unzufriedenheit, wenn sich wieder einmal herausstellt, dass die Welt sich doch immer noch nach eigenen Regeln verhält, nicht nach unseren jeweiligen Wünschen.

Die Welt ist

Es ist aber nur normal, dass sich die Welt nicht so verhält, wie wir das gerne hätten, sondern einfach, wie sie es halt tut.

Alles, was wir tun können, ist uns von ihrem Strom mittragen zu lassen, immer wieder unsere Hände hineinstecken oder sogar mit Händen und Füssen kräftig Wasser zu treten, um unseren Kurs vielleicht ein wenig zu ändern. Und das ist normal.

Wir sollten nicht versuchen, zu einer Abnormalität, in der Bequemlichkeit bestimmt, zurückzukehren – so sehr wir immer noch in einer derartigen Zeit stecken.

Wir können besser leben, in dieser Normalität, in der wir die Flüchtigkeit des Lebens erkennen – und auch sehen, wie besonders das jeden einzelnen, individuellen Beitrag unsererseits zum Fortschritt – oder zumindest, zur Fortsetzung – des Lebens macht.

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