Mikroexploration: Lernen und Lehren durch Reisen

Oder, muss Reisebloggen unbedingt Marketing sein?

Zwischen Einschränkungen in der Reisefreiheit und #BleibZuhause hat der Business der Reise-Influencer und -Blogger viel von seinem Glanz eingebüsst; wachsendes Interesse an der freien Natur an naheliegenden Ausflugszielen verspricht Menschenmassen und Verschmutzung.

Mit dem allem sollten wir uns fragen, wofür Reiseberichte eigentlich gut sind – und wofür sie gut sein könnten.

Ein trauriger Zustand

Wie schlimm es mit Reisethemen auf Social Media bestellt ist, sollte uns wohl nicht überraschen.

Die Urlaubsfotos von Freunden und Verwandten waren schliesslich schon ein Scherz; die Instagram-Fotos von Reise-Influencern haben das Niveau nicht gerade gehoben. Bestenfalls sind sie, in ihrer Verheissung des Reiseglücks, zu Werbung verkommen.

Nicht nur Werbung, sondern auch alles immer gleicher… Foto: Insta_Repeat

Reiseblogging ist nur zu oft eine Fortsetzung desselben.

Es ist entweder ein kleiner Urlaubsbericht mit wenig Wert (und ich würde durchaus so manche meiner eigenen Einträge hierzu zählen) oder nur eine andere Werbeform und ein Mini-Reiseführer, der nur denen dient, die in denselben Fussstapfen reisen wollen.

Ausgetretene Pfade

Die Fussspuren anderer Reisender scheinen extrem beliebt geworden zu sein.

Viele wollen zwar unbedingt Reisende und keine Touristen sein, suchen das Abenteuer und die Exotik… aber doch nur, um sich als Entdecker und Lernende zu präsentieren.

Wohin sie fahren wollen, das wird per Instagram und für Instagram entschieden.

aktuell wichtigste Entscheidungs-faktoren für oder gegen eine Region:

40,1%: MÖGLICHKEIT, IM ZIELGEBIET GUTE INSTAGRAMBILDER MACHEN ZU KÖNNEN

24%: Preis und Verfügbarkeit von Alkohol

22,6%: Persönliche Weiterentwicklung

9,4%: lokale Gastronomie

3,9% Sightseeingmöglichkeiten

https://www.schofields.ltd.uk/blog/5123/two-fifths-of-millennials-choose-their-holiday-destination-based-on-how-instagrammable-the-holiday-pics-will-be/
Und den wartet man auf den perfekten Zeitpunkt für dasselbe Foto wie alle anderen

Die Reisefrage

Mit Ausgangsbeschränkungen in der Pandemie ist Reisen wieder einmal schwieriger geworden, wie es das die längste Zeit war. Mit den Schwierigkeiten sind Reiseblogger und der ganze Business der Travel Influencer in der Krise.

Es war aber an der Zeit, den demokratisierten Luxus des Reisens, der in unbedachten Konsum ausgeartet war, zu hinterfragen – und ebenso die Berichte von Reisen, die blosse Marketingerscheinungen geworden waren.

Die Frage, die nämlich selten gestellt wird:

Ist Reisen, das nur dem kapitalistischen Wachstumswahn unterliegt, wirklich das Reisen, das wir wollen?

Gibt es keine Möglichkeiten für anderes? Mehr in die Tiefe zu gehen, genauer hinzusehen, mehr Wert zu bieten als nur Inspiration in sozialen Medien, für das Bespielen eigener Social Media-Kanäle?

Reisen als Eskapismus muss doch nicht bedeuten, dass jeder dieselben Orte besuchen und dieselben Erfahrungen machen muss, wie alle anderen. Es kann sogar bedeuten, dass man zu Hause bleibt – und dabei umso mehr lernt.

Zu Hause bleiben, mehr lernen?

Wie das?

Bedenken wir nur einmal die Motivationen für das Reisen – und für Reiseberichte.

Reisefotos und -berichte sind nicht unbedingt die Inspiration für einen Reise-Lifestyle oder das Marketing einen Reise-Lifestyle oder das Marketing von Reisezielen. Wir reisen nicht nur, lesen nicht nur über fremde Orte, um zu lernen, was “man gesehen haben muss” und um das von der eigenen Liste an “Must-See”-Orten zu streichen.

(Es hat schon seinen Grund, dass solche “Muss man gesehen haben”-Listen ziemlich nervig sind – gerade, wo sie für SEO sehr beliebt sind, weil sie Massen an Menschen ansprechen.)

Reise-Erfahrungen

Beim Reisen geht es (auch) um das Lernen, um neue Erfahrungen.

Schon Reiseberichte dienen dazu, zu lernen, etwas über Orte zu erfahren. Orte, oft genug, die man selbst nicht einmal besuchen will.

Zum beispiel mit Leuten, denen gegenüber man Scheu, wenn nicht gar Angst, empfinden würde.

Männer der Miao-Minorität im Süden von Guizhou… wartend auf die nächste Fuhre an Touristen

Um etwas zu sehen von Plätzen, die hart oder nur mit Problemen zu erreichen wären – und über die man dennoch (oder erst recht) etwas wissen will.

Reiseerlebnisse – ohne die Strapazen

Es kann schon faszinierend genug sein, etwas über neue Orte zu erfahren, ohne diese selbst aufsuchen zu müssen.

Das interessante Essen hat man so vielleicht nicht geschmeckt, aber sich wenigstens die Magenprobleme erspart.

Die exotischen Orte und speziellen Reiseerfahrungen sind vielleicht mit Vergnügen als Erlebnis der anderen zu sehen, aber wesentlich angenehmer, wenn man sich selbst die damit verbundenen Strapazen ersparen konnte.

Das volle eigene Erleben eines Orts ist schliesslich oft auch einfach zu viel, zu teuer, zu anstrengend.

Alles ganz einfach

Das Erlebnis der Reisen anderer

Die Herausforderung für die (aktuell, nicht-)Reisenden unter uns ist damit natürlich, die Lernmotivationen anzusprechen und Reiseerfahrungen zu teilen, so dass sie virtuelle Erlebnisse werden, nicht einfach nur “Content” darstellen.

Wenn es aber schon mehr Wert(e) gibt, als bloss hübsche Fotos, die andere dann nachstellen versuchen können, um sich wie ein Teil des Instagram-Jetset vorkommen zu können, dann sollten wir diese Werte wohl vermitteln.

Über das Leben andernorts informieren.

Zeigen, wie fremde Leute anders und doch gleich sind. Die Faszination ferner Orte teilen … und auch jene naher Orte!

Mich beschäftigt die Frage, während ich zu Hause sitze, Fotos und Videos von meiner Erkundung von “Red Hot China” betrachte, in Erinnerungen schwelge – und mich in die Materie per Literatur weiter vertiefe.

Ist es das wert?

Einerseits scheint es jetzt nichts wert, solche Fotos zu teilen, wenn sie nicht “insta” sind, solche Videos zu schneiden, wenn sie nicht live sind.

Und wenn niemand dorthin reisen könnte, schon gar nicht.

Aber andererseits geht es ja gar nicht darum, zu eigenen Reisen zu motivieren.

Es geht darum, einen Eindruck von Land und Leuten zu vermitteln, die nicht die exotischen Anderen und geradezu Feinde sind, als die sie gerade mal wieder oft dargestellt werden.

Nein, sie sind potentielle Freunde, ganz sicher aber einfach Mitmenschen, mit ihren eigenen Geschichten, mit anderen Problemen und ganz ähnlichen Sorgen und Freuden.

Darauf hinzuweisen, Verständnis dafür zu schaffen, das ist eine Menge wert!

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