#MehrSehen, anders: Mehr auf das Nahe blicken

Unsere weitgewordenen Kreise an Beziehungen und Aufmerksamkeit werden ständig gelobt. Endlich wären wir nicht mehr nur um unsere Familien und Dörfer besorgt, sondern um die ganze Welt.

Ist das aber wirklich so eine gute Sache?

Weitgestrickte Beziehungen…

Was wir dank weltumspannender Beziehungen sehen, ist unglücklicherweise kein grösseres Verständnis für andere.

Vielmehr betreffen Probleme, die an einem Ort entstehen, nicht mehr nur diese. Wir sind alle verbunden, und Probleme verbreiten sich entlang dieser Verbindungen.

Mit ihnen verbreitet sich auch das Schwarze-Peter-Spiel an Schuldzuweisungen. Schuld sind natürlich immer die anderen.

… an der Oberfläche der Dinge.

Wir wissen über die anderen auch nur genug, um ihnen Schuld zuzuweisen.

Wir sehen immer nur das auffälligste, bemerkenswerteste, schlimmste über alle anderen, so dass sich die Gräben zwischen uns vertiefen.

Wir müssen nicht einmal darauf sehen, was Europäer und Amerikaner über China und ihren jeweiligen Gegenpart wissen (oder zu wissen glauben).

Man muss nur innnerhalb der USA, innerhalb der EU, ein wenig genauer hinsehen, um Stereotype und Missverständnisse zu bemerken. Trennungen.

#MehrSehen würde helfen

Es würde hier schon helfen, mehr zu sehen. Genauer hinzusehen. Nicht zu glauben, dass wir ohnehin alles wüssten, nur weil wir irgendetwas emotional Triggerndes auf Social Media gesehen hatten.

Die Dinge sind ziemlich sicher komplizierter und weniger einfach und klar, als sie uns erscheinen – wie wir wohl bemerken würden, wenn wir nur genauer hinsehen könnten und würden.

Höchstwahrscheinlich aber werden wir diese Zeit und diesen Aufwand nicht betreiben. Wir werden machen, was sich gut anfühlt und schnell befriedigt.

Wir werden lesen, was mit uns geteilt wird und weiter teilen, was unserer Sicht der Dinge entspricht. Und wir werden ignorieren, was dem widerspricht.

Der andere Weg, mehr zu sehen

Es gibt aber noch einen Weg, mehr zu sehen, der helfen könnte:

Mehr auf das Nahe, das eigene Leben, die unmittelbare Umgebung, die eigene Situation, zu sehen. Die Flut an Informationen sein zu lassen.

Das klingt zu konservativ, reaktionär, nicht-progressiv. Willst du denn nicht mit der Welt verbunden sein? Zur öffentlichen Konversation beitragen? Informiert sein?

Das Problem ist, dass dieses Gefühl trügt.

Ja, es fühlt sich gut an, für seine eigene Seite einzustehen, die klar falschen Sichtweisen der anderen zu bekämpfen. Es drückt wunderbar auf unsere emotionalen Belohnungsknöpfe. Wenn es dann gleich auch noch Likes dafür gibt, schon überhaupt.

Kontrolle übernehmen!

Es hilft der Welt aber keinen Deut. Und es hilft deinem Leben nicht.

Dein Leben wird besser, wenn du etwas Kontrolle darüber übernimmst.

Nicht im Sinne dessen, jetzt auch noch irgendwelche Masszahlen zur persönlichen “digitalen Gesundheit” anzusehen, sondern durch aktives Tun. Aktives Tun, das einem selbst gut tut.

Das muss nichts grossartiges sein.

Fang mal damit an, deine Sachen zu organisieren, aufzuräumen.

Kochen zu lernen, wenn du das noch nicht getan hast.

Etwas für deine Fitness zu tun, bei dem es nicht bloss um Aussehen geht, sondern um Gutes für das Leben.

Lern etwas Neues. Lies Bücher.

Leg einen Garten an, wenn du das kannst.

Die Zahl an Leuten, die in einer Epidemie erkranken, krankhaft zu beobachten, dass wird der eigenen Gesundheit nicht gerade zuträglich sein. Zumindest der psychischen Gesundheit.

Trag eine Maske, sei sorgfältig in Sachen Hygiene, sieh zu, dass du die Impfungen hast, die du haben solltest – und du hast tatsächlich etwas getan, was in deiner eigenen Macht lag.

Sich-Kümmern, wo es etwas nützt

Du musst dich nicht um die ganze Welt sorgen, auf dem abstrakten Niveau, auf dem das auch nur möglich ist.

Sorge dich um dein Leben und deine Umgebung, deine Nachbarn und Gemeinschaft.

In diesem Kontext kann man wirklich etwas beitragen – und das üblicherweise im Positiven.

Im schlimmsten Fall weiss man nichts über Infiziertenzahlen rund um die Welt, die einen doch eigentlich persönlich nur wenig betreffen (und die weniger aussagen, als man vielleicht glauben mag).

Noch weniger, in unserer “Normalität”, weiss man vielleicht über irgendwelche angeblichen Superstars, deren Leben mit dem eigenen nichts zu tun hat.

Dafür hat man aber etwas getan und etwas gelernt. Wovon man tatsächlich etwas hat.

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