Joseph Rock Respekt zollend in Yuhu, Yunnan

Wenn wir zurück auf die Geschichte(n) von Reisenden sehen, landen wir bald bei den Entdeckern – und Exzentrikern.

Wir meinen, selbst schon in seltsamen Zeiten zu leben, wir suchen nach Abenteuer – und wir stellen bei anderen vor uns unweise Exzentrik fest.

Hört man von Joseph Rock, dann hört man meistens von solcher Exzentrizität. Mein erstes Hören von ihm war jedenfalls eines von wegen Reisen in den Bergen von Yunnan, mit Speisetisch und Silberbesteck…

Wie so oft verzerrt die Distanz die Dinge. Näher an die Fussspuren eines früheren Reisenden / Erkunders zu kommen, bringt eine andere Perspektive.

Das Abenteuer Reisen?

Auf Reise durch Yunnan in Zeiten, die sich sehr normal anfühlten, auf einer persönlichen botanischen Mission, die ein wenig erkunderisch erschien – und im Blick zurück zu dieser Zeit der Coronavirus-bedingten Ausgangssperre – da wirkt das alles sehr anders.

Blick aus der Luft auf Yuhu, Yunnan
Anders auch, wie einfach wir heutzutage Ansichten aus der Luft – wie diese eben vom Dorf Yuhu in Yunnan – bekommen können

Das moderne Reisen schien so eine normale Sache zu sein – zumindest für jene von uns, für die es ein normaler Teil ihres Lebens war – dass wir vergessen, wie neu das eigentlich ist.

Wenn nur irgendwelche Unannehmlichkeiten auftauchen, die Dinge auch nur irgendwie nicht so laufen, wie vorausgeplant, dann wird schnell von Abenteuer gesprochen.

Soll die Reise etwas anderes sein als kleine Erholung von einem Job oder ein wenig Entspannung und Ruhe, dann müssen wir zugleich auf die Suche nach Abenteuer gehen.

Oder, weil wir doch noch immer wollen, dass alles genau nach Plan verläuft, Abenteuer buchen.

Yuhu, Yunnan

Zwischen Lijiang und seinem Hausberg Yulongxueshan liegt das “Jadesee”-Dorf Yuhu.

Der austro-amerikanische Botanik-Erkunder Joseph Rock hatte diesen Ort zu einer Heimat gemacht.

Für mich als Österreicher auf eigener Entdeckungsreise zu gewissen botanisch-kulturell-kulinarischen Einsichten schien es geradezu Pflicht, an diesen Ort zu fahren.

An einem Ort wie Yuhu, mit einer Geschichte wie jener von Joseph Rock, sehen wir gerade einmal 100 Jahre zurück. Und doch zu einer ganz anderen Zeit. Und zu Lebensgeschichten, wie sie kaum vorstellbar sind.

Joseph F. Rock in Tibetan Dress on Horseback
Joseph F. Rock in Tibetan Dress on Horseback. [Title from Negative Envelope.]. (1924).
https://images.hollis.harvard.edu/permalink/f/100kie6/HVD_VIAolvwork123469

Das Leben des Joseph Rock

Joseph Rock war, wie es die Website des Arnold Arboretum der Universität Harvard erklärt, der letzte der grossen “Pflanzenjäger”, die von Charles Sprague Sargent beschäftigt wurden,… ein Botaniker, Anthropologe, Entdecker, Linguist und Autor.

Joseph Charles Francis Rock wurde 1884 in eine Familie geboren, die dem Grafen Potocki diente.

Hochbegabtes Kind?

Er zeigte alle Zeichen – und hatte das frühe Leben – so mancher Hochbegabter: Ein Elternteil, seine Mutter, starb als er gerade einmal 6 Jahre alt war, gefolgt von seiner Grossmutter.

Sein Vater war übermässig streng, religiös und cholerisch.

Joseph lernte nur zu schnell, fand die Schule langweilig und folgte seinen Interessen oft andernorts, unter anderem zum Versuch, als 13-Jähriger Chinesisch zu lernen.

(Ich wüsste wirklich gerne mehr hierüber. Als ich 1996 zum ersten Mal damit anfangen wollte, Chinesisch an der Universität Wien zu lernen, da war das noch immer schwierig – und das war im Jahr 1897 sicher nicht besser.)

Mit seinem Schulabschluss in der Hand, 1902 (18 Jahre alt), lief Joseph seinem Vater, der ihn in das Priesterseminar zwingen wollte, geradezu davon.

Arbeit-Reisen

Er reiste durch Europa, hielt sich mit diversen Jobs über Wasser – bis er 1905 einen Zug verpasste und stattdessen auf einem Schiff anheuerte, dass nach New York fuhr. Auch hier wieder arbeitete er, was auch immer er konnte, reiste und lernte, um schliesslich in Honolulu, Hawaii, zu landen.

Auf Hawaii arbeitete Joseph Rock als Lateinlehrer (was er natürlich in der Schule gelernt hatte) und als Lehrer für Naturgeschichte (was er gerade einmal schnell genug gelernt haben soll, um seinen Schülern voraus zu sein) – und er entwickelte sich zum Naturforscher.

Karriere

Im Jahr 1913 nahm er die US-Staatsbürgerschaft an und fand Beschäftigung als Pflanzensammler und Naturkundler für die US-Landwirtschaftsbehörde, mit National Geographic und später für das Arnold Arboretum der Universität Harvard.

Arbeitsplatz und Schlafzimmer von Joseph Rock in Yuhu
Arbeitsplatz und Schlafzimmer von Joseph Rock in Yuhu

Arbeit in China

Er arbeitete im wesentlichen von 1920 bis 1949 in China.

Zuerst war seine Arbeit dort auf Botanik fokussiert, insbesondere im “Hotspot” an Biodiversität im Südwesten des Landes, am Rande des Himalaya.

Später konzentrierte er sich auf die Ethnographie der Naxi hier um Lijiang, mit seinem Hauptquartier in Yuhu. (Einige der Einsichten in die Naxi-“Kultur des Suizids” etwa stammen aus Rocks Schriften.)

Eine der verrückt klingenden Geschichten, die oft über ihn erzählt wird – und zunächst von Edgar Snow berichtet worden war, ist jene wie seine angeheuerten Stammesmitglieder sich während des Marsches in eine Vorhut und eine Nachhut teilten.

Die vorauseilende Partie, angeführt von einem Koch, einem Assistenzkoch und einem Butler würde einen geschützten Platz mit einem schönen Blick erspähen, Tisch und Sessel auf einem Leopardenfell-Teppich aufklappen und saubere Leinentücher, Silber und Servietten ausbreiten. Bis wir ankamen, war unser Essen fast fertig. Des Nachts waren dies mehrere Gänge, beendet mit Tea und Likören.

[Edgar Snow. Journey to the Beginning. 1958: 56.]

Die Meinung Edgar Snows von Rock war allerdings wohl von seinem eigenen speziellen Hintergrund geprägt; Snow reiste mit Rock (wenn ich das richtig gefunden habe) im Jahr 1931, als er gerade dabei war festzustellen, dass die von ihm bislang unterstützte Kuomintang das Land geradezu plünderte – und nun traf er auf einen leicht zu erzürnenden (anderen) Westler mit “imperialen Anmassungen”… und anscheinend selbst einer Vorsicht, die Snow missfiel.

Anscheinend wollte Snow Kaliumzyanid (auch als Zyankali bekannt) verwenden, um die Pflanzen, die er essen wollte, zu desinfizieren. Rock vermerkte dazu in seinem Tagebuch, dass Snow sich mit diesem Herangehen wohl selbst töten würde. “Sancta simplicitas.” Er trüge sich mit der üblichen Aura eines provinziellen Amerikaners, der selbst seiner Ignoranz ignorant wäre. [John Maxwell Hamilton. Edgar Snow: A Biography. 2003: 32.]

Im Lichte seines eigenen cholerischen und exzentrischen Charakters, charmant und fähig, mit Leuten von Lama-Königen und Warlords bis hin zu lokalen Banditen umzugehen, aber oft im Streit mit seinen Arbeitgebern (und praktisch nie – und nach Snow sicher nie mehr – mit Bekanntschaften aus dem Westen auf Reisen), da erscheint Rock oft als seltsame Figur, die sein Silberbesteck (und seine faltbare Badewanne) mehr brauchte als sonstwas.

Das "Wohnzimmer" Joseph Rocks in Yuhu
Das “Wohnzimmer” Joseph Rocks in Yuhu. Wahrlich “imperialistisch anmutend”…

Dinge in Perspektive…

Lernt man mehr über die Zeiten, zu denen Rock in China tätig war, in denen das Land zuerst im Griff seines eigenen Bürgerkriegs war, dann die japanische Invasion erlitt, alles nicht so lange nach der Zeit starker Anti-Ausländer-Stimmung, die auf die Opiumkriege gefolgt war… da wundert man sich nur noch, dass überhaupt jemand zu dieser Zeit hier auf Entdeckungstour unterwegs sein konnte.

Mit Vor- und Nachhut zu reisen, auf eine Art, die ihn als Person von hohem Rang erscheinen liess, mit der man sich besser nicht anlegen sollte, das erscheint dann plötzlich als eine weise Vorsichtsmassnahme.

All der Luxus, der so seltsam klingt und so exzentrisch wirkt, wenn er so betont wird, nun ja… der ist seltsam, aber er sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bedingungen, unter denen Rock hier lebte und faszinierende Arbeit in mehreren Disziplinen leistete, ganz schön hart waren.

Rocks früheres Zuhause in Yuhu besuchend, erhält man einen klitzekleinen Einblick in die Strapazen und Gefahren, welche diese Expeditionen – und schon das Alltagsleben – dargestellt haben müssen.

Und man könnte noch immer eine Menge davon verpassen, wie die Zeit und die Leute wohl wirklich waren, wenn man sich mit deren Leben und Zeit nicht tiefergehender beschäftigt.

Ein kleiner Ausflug auf einer Reise, “abenteuerlich” auf Pferderücken herumspaziert zu werden, wird einem wenig sagen. Man muss schon etwas mehr sehen, mehr lernen.

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