Lijiang, Yunnan: Kommen für Liebe, Bleiben per Suizid…

“Oh, ihr fahrt nach Lijiang? Habt ihr von dem Liebespaar gehört, das dort kürzlich Selbstmord begangen hat?” fragte der Taxilenker in Kunming.

[Keine Sorge, hier wird es vor allem um die romantische Seite von Lijiang gehen – aber trotzdem die Vorwarnung: Diese beinhaltet eine Tradition von Liebes-Suizid.]

Lijiang ist einer der Orte in China, über die die Meinungen stark auseinandergehen.

Manche feiern Lijiang und sehen nichts als die Schönheit des Ortes. Andere halten Lijiang für nichts als ein potemkinsches Dorf für Touristen.

Es ist ein Klischee, aber die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

Wer auf Reisen mehr als nur oberflächliche Eindrücke sammeln will, sollte sich näher mit einem Ort beschäftigen, genauer hinsehen.

Man wird damit wahrscheinlich weniger eindeutige Meinungen dazu haben, als man sie sonst gehabt hätte, würde man nur nach Gefühl gehen. Zumindest aber wird die Reise nicht nur eine negative Klimabilanz haben, sondern auch #Mikroexploration bedeutet haben, einen ein wenig verändern.

Das touristische Lijiang

Lijiang als Touristenort ist eine ziemliche Theaterkulisse. Die vielbesuchte Altstadt ist ziemlich neu aufgebaut (weil das nach einem Brand notwendig war). Die kopfsteingepflasterten Strassen, durch die Wasserkanäle fliessen, sind voll von Hotels, Hostels, Restaurants und Souvenirläden.

Die Naxi-Kultur, deren Zentrum Lijiang ist, wird hier sowohl bewahrt als auch erfunden.

Die Anziehung von Liebes-Suizid

Ein besonders interessantes Beispiel von touristischer Anziehung und kultureller Seltsamkeit liegt in der Tradition von Liebessuizid.

Wir, ein Kollege von mir und ich, waren gerade erst in Kunming angekommen und hatten ein Taxi genommen, erwähnt, wohin wir reisen würden – und da war der Einfluss dieser Geschichte schon anzutreffen.

Habt ihr von dem Liebespaar gehört, das vom Yulong Xueshan [“Jadedrachen-Schneeberg” – der Hausberg von Lijiang] in seinen Tod gesprungen ist?“, fragte der Taxilenker.

So, wie die meisten Leute davon gehört haben, wird der Einfluss zu Romantik verklärt.

Liebespaare, denen die Heirat verboten worden war, hätten, statt sich mit der Entscheidung ihrer Eltern abzufinden, Pakte geschlossen, gemeinsam in das nächste Leben zu gehen, um wenigstens dort miteinander verbunden zu sein.

Lijiang ist für Liebende?

Als romantische Tat verklärt, ist Lijiang als Ort bekannt geworden, der für Liebe steht.

Nicht unbedingt allerdings für Liebende, die glücklich verheiratet oder verlobt sind. Eher jene, die nach ein wenig “Liebe” suchen.

Nach dem Motto, “Was in Lijiang passiert, das bleibt in Lijiang.” Selbst ohne Suizid. Solcherart “Liebe”…

Wie üblich muss man nur ein wenig genauer hinsehen und erkennt schnell wesentlich mehr davon, was so läuft. Und sieht, dass die Dinge viel weniger klar sind, als man denkt.

Es findet so einige “Exotisierung” der ethnisch “anderen” Frauen statt.

Das, nicht einmal nach “Gelbfieber”-Art (iSv Männern aus dem Westen, die Asiatinnen aus “Gründen”, die eigentlich Stereotype von Femininität sind, verklären), sondern in nahezu traditioneller (Han-)chinesischer Art.

Frauen von ethnischen Minderheiten sind oft (von der Han-Majorität) als weniger zivilisiert, wilder, angesehen worden… und wo Minoritätenmänner darum als potentiell gefährlich angesehen werden, da gelten Frauen darum als potentiell “natürlicher” – und mehr mit ihrer sexuellen Wildheit im Einklang.

Liebessuizide haben stattgefunden. Sie waren wahrscheinlich allerdings weniger romantisch, als vielmehr ein Protest gegen den Verlust lokaler Autonomie und gegen das Aufoktroyieren patriarchaler Systeme.

(Ethnische Minoritäten in diesem Teil von Yunnan sind berühmt für ihre stärker egalitären Gesellschaften, bis hin zu den – zumindest angeblichen – Matriarchaten der Mosuo am Lugu-See.)

Und ja – bei all den Mord-Selbstmorden “aus Liebe”, die eher eine Fortsetzung männlicher häuslicher Gewalt und frustrierter Sexualität sind, da gehört das explizit erwähnt: es waren hier die Frauen, von denen die Initiativen zu diesen gemeinsamen Suiziden ausgingen.

Wie es mit solchen Dingen typischerweise geschieht, spielen historische Umstände und “gefährliche” Kontexte keine sonderlich grosse Rolle mehr.

Nur das Gefühl eines romantischen anderen bleibt, wird hochgehalten – und oft etwas kommerzialisiert. (Wie man erkennen könnte, wenn man die Show “Impression Lijiang” besucht und die Szenen über Liebessuizid darin erkennt.)

Die schöne Oberfläche

 Als ein touristischer Besucher, der in chinesischen Geschichten nicht so tief drinsteckt, wird man von diesem Hintergrund wahrscheinlich gar nichts mitbekommen. Und Lijiang wird dennoch nicht nur touristisch ausssehen, sondern auch hübsch. Weil es das auch ist.

Die Altstadt ist zwar neu aufgebaut und oft voll von Menschenmassen – aber auch schön.

Die Pfade, die sich durch sie hindurchziehen, mäandern ziemlich verwirrend. Die Wasserkanäle an und immer wieder mitten in den Wegen bedeuten, dass man besser nicht ins Staunen versinkt, sondern vorsichtig ist, wohin man geht. Oder es könnte etwas nass werden!

Nur ein Berg direkt über dem Ort, Häuser den Hang hinauf, würden fehlen, und es würde ziemlich wie in “meinem” Hallstatt aussehen.

Sieht man genauer hin, könnte man sogar finden, dass manche der Erdstreifen am Saum der Wasserwege für ein wenig Gemüseanbau genutzt werden. (Natürlich ist mir das, bei meinen Interessen, aufgefallen. Mehr über diese Seite von Lijiang kann man hier lesen.)

(Bei einem früheren Besuch im Frühling)

Lijiang hat sogar seinen Hausberg. Oder sogar seine Berge:

Yulong Xueshan und der Schwarzer Drachen-Teich

In der Ferne, oft hinter Wolken versteckt, liegt der Yulong Xueshan, der “Jadedrachen-Schneeberg”.

Trotz seiner Ferne vom Ort gilt er als Beschützer von Lijiang (was wohl auch an seiner Bedeutung in der Naxi-Kultur insgesamt liegt).

Vom Teich des Schwarzen Drachen (Heilongtan) am Rand der Altstadt sieht man besonders schön zum Berg – wenn man zu ihm sehen kann. Oft genug verstellen Wolken die Sicht.

Der Pfad zwischen Teich und Altstadt verläuft allerliebst entlang eines brausenden Baches. Er geht stetig etwas auf und ab, Schulkinder sind hier unterwegs zum Unterricht, Touristen suchen nach schönen Orten für Fotos, Einheimische kommen vom oder gehen zum Markt.

Von der Seite des Schwarzer-Drachen-Teichs kann man einen Berg hinauflaufen (oder auf einem kleinen Morgenlauf, wie das mit mir der Fall war, von dem Berg hinunter kommen). Die Kletterei geht nicht sonderlich weit, aber auf steilen Treppen. Und oben ist man auf knapp über 2000 m angekommen, was alles schon noch etwas anstrengender macht.

Die weiten Blicke über Lijiang und zu den umliegenden Bergen sind die Anstrengung allerdings wert. Sie machen auch klar, was für ein kleiner Teil der Stadt die Altstadt eigentlich bloss ist – aber auch, gerade mit den üblichen Bauten rundum, wie hübsch sie doch ist.

Lion Hill (Löwenhügel)

Berge rundum locken. Die Hügel in Lijiang – steht man erst einmal oben, dann wirken sie nur noch wie Hügel – sind weithin bewaldet. Vögel flitzen umher. Gut, über sich hat man einen modernen Telekommunikationsmasten, aber so ist einfach das moderne Leben.

Auf den “Löwenhügel” mit seinem Wangu-Turm kommt man noch einfacher; hinein allerdings nur während des Tages und mit Eintrittskarte. Er bildet den nördlichen Abschluss der Altstadt.

Das Erlebnis war interessant, klettert man doch mit einer Masse an Menschen die Treppen und Wege zum Eingang hinauf, ist wegen der vielen Leute, die aber offenbar keinen Eintritt zahlen wollen, im Park innen dann aber vergleichsweise ungestört unterwegs.

Dementsprechend nett und ruhig ist es, da spazierenzugehen, die Pagode zu besteigen, um weitere Ausblicke auf Lijiang – neu wie alt (oder, “alt”) zu geniessen – und vielleicht über den Genuss an einem solchen Ort ein wenig nachzudenken.

Erwartungen und Realität

Wer nach Lijiang geht, um ein ungestörtes romantisches Zuhause einer unverfälschten ethnischen Minoritätenkultur zu entdecken, das irgendwie nur auf einen selbst gewartet hat, der ist selbst Schuld an der eigenen Enttäuschung.

Wenn man allerdings einen Touristenort erwartet und die Dinge ruhig angeht – zumal, als selbst nun einmal ein Tourist – dann ist Lijiang hübsch. Oder so aufregend, bedenkt man alleine die Zahl an Bars dort, wie man sich einen solchen Ort macht.


Quelle:
Chunmei Du, “The Love-Suicide Mystique of Naxi: Experiential Tourism and Existential Authenticity.” Frontiers of History in China 2015, 10(3): 486–512

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