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Das Loushan Warrior Race in Zunyi, Guizhou: Mein erfolgreichstes DNF

Von mir gibt es keine Geschichte des grossartigen Siegs eines Ausländers bei einem chinesischen Traillauf. Beim Loushan Warrior Race habe ich vielmehr “nur” 32 von 55 km geschafft.

Es war aber umso eindrucksvoller.

Die Wahrscheinlichkeit, von diesem Rennen noch nie gehört zu haben, ist wohl 100%.

Es fand 2019 gerade einmal zum zweiten Mal statt. Es nennt sich zwar ein internationales Rennen, aber Registrierung wie Info gibt es nur auf Chinesisch.

Wer nicht gerade eine der üblichen chinesischen Apps für Renn-Infos und -Anmeldungen nützt, würde weder Info, noch Anmeldemöglichkeiten, finden.

Wäre ich nicht für die Chilli-Expo in Zunyi gewesen, hätte ich wohl auch nichts über diese Stadt gewusst. So allerdings fiel mir die Ankündigung über dieses Rennen, in der Marathon-App, die ich nutze, ins Auge.

Daran teilzunehmen schien ein guter Weg, die faszinierende Landschaft rundum näher kennenzulernen und etwas Zeit am Anfang der chinesischen Nationalfeiertags-Ferien woanders als “zu Hause” in Chongqing zu verbringen.

Laufen in der Landschaft von Guizhou

Von der Landschaft in China hat man höchstwahrscheinlich schon einmal den Karst von Zhangjiajie in Hunan oder um Yangshuo nahe Guilin gesehen. Die Provinz Guizhou liegt annähernd zwischen den beiden – und besteht im Wesentlichen aus nichts als Karsthügeln.

“Keine drei Kilometer ohne einen Berg,” sagt ein lokaler Spruch.

Die Karsthügel hier sind nicht so extrem wie jene an den gerade erwähnten, bekannteren, Orten, aber sie sind überall. Sie reichen von niedrigen, aber immer noch steil abfallenden, Hügeln bis hin zu veritablen Gebirgszügen.

Keine drei Kilometer ohne Berg, keine drei Tage ohne Regen, keine drei Pennies in einer Tasche.

Mit verbreiteter Landwirtschaft in den flachen Bereichen und oft Terrassenfelder hinauf, mit Pfaden um und über diese hügelige Landschaft, da versprach ein Trailrennen hier sehr interessant zu sein.

Blick zurück beim Loushan Warrior Race, Zunyi, Guizhou

Das Loushan Warrior Race

Im Verlauf der 55 km des Rennens ist der gesamte Anstieg 4950 m. Der tiefste Punkt liegt auf 819 m, der höchste auf 1756 m.

Nur 200 Teilnehmer sind das Limit; 12 Stunden sind das Zeitlimit.

Der Start ist bei einem Camping-/Outdoor-Gelände bei Hailongtun, auf rund 1100 m Seehöhe; das Ende am Loushanguan liegt nahe 1800 m – und die Kletterei dazwischen ist viel und hart.

Und obwohl das Rennen nur während der Tageszeit stattfindet, gehört eine Stirnlampe zur Pflichtausrüstung. Das war schon verwunderlich – und nicht das einzige, worüber ich mich wundern musste.

Loushan Warriors? Warum?

Eines, was ich nur nach und nach herausfand, war der historische Hintergrund der Gegend und der Rennstrecke.

Hailongtun-Historie

Es gibt einige Geschichten rund um wichtige Schlachten, die hier stattgefunden hätten.

Die Hailongtun-Festung, nahe am Start, ist eine mittelalterliche chinesische Burg eines Tusi, eines hereditären Stammesfürsten (wie das noch immer beschrieben zu werden scheint). Das waren im Wesentlichen lokale Könige, die ihre Herrschaftsgebiete nach hiesigen Gebräuchen regierten, aber von der Zentralregierung eingesetzt wurden.

Immerhin, 2015 wurde diese Burg zur ersten UNESCO-Weltkulturerbestätte in Guizhou ernannt… und das ist noch nicht alles.

Langer Marsch-Lauf

Der Trail, den man hier läuft, war auch ein Teil des Langen Marsches, der eine wesentliche Rolle im Aufstieg Mao Zedongs und (und in) der chinesischen kommunistischen Partei spielte.

In der Zunyi-Konferenz wurde eine wesentliche Änderung der Militärstrategie beschlossen, indem man Mao Zedong die Kontrolle übergab; die Rote Armee wechselte von grossen Scharmützeln zu Guerilla-Taktiken – und damit zu Siegen.

Der erste wesentliche Sieg: Die Schlacht von Loushanguan, dem Loushan-Pass… der Ziellinie dieses Rennens. Die Soldaten der Roten Armee hatten dasselbe Terrain, das man im Rennen als Läufer durchquert, zu meistern.

Dieser Aspekt von “rotem Tourismus” scheint selbst für die chinesischen Teilnehmer keine sonderlich grosse Rolle zu spielen. Unerwartet solche Aspekte der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu entdecken, von denen man selten sonderlich viel lernt, einfach im Blick auf die Route eines Trailrennens, das war allerdings spannend.

Das Lauferlebnis

Wie man sich anhand meiner Einleitung – von wegen DNF (“did not finish”) – wohl schon vorstellen kann, stellte sich dieses Rennen als reichlich hart heraus. Die Soldaten, die entlang solcher Trails marschieren mussten, die müssen wirklich hart im Nehmen gewesen sein…

Das Rennen beginnt angenehm – wenn man einen solchen Start als angenehm empfindet: Vom Hailongtun Campingplatz geht es erst einmal auf Strassen hinab in Richtung Hailongtun-Festung und die Pässe dort.

Die ersten 10 km gehen erst einmal vom Start weg bergab, dann mit sanftem Auf-und-Ab weiter, alles auf Asphaltstrassen.

Dann allerdings wird alles ganz anders.

Von der Strasse hinunter Richtung Feilongguan (Pass des fliegenden Drachen) geht es auf steile Steinstufen und aufwärts. Und zwar ordentlich. Manche dieser Stufen sind kniehoch.

Die Gegend rund um die Festung und die Pässe dort ist absolut faszinierend – wenn man es noch schafft, ihr Aufmerksamkeit zu schenken.

Durch eines der Steintore durch ist der Pfad dann plötzlich ein Trail. Und so geht es weiter.

Manchmal kommen immer noch Abschnitte auf Strassen. Immer wieder geht es durch kleine Bauernhöfe. Dort herum schlängelt man sich durch Felder, folgt den Mauern, die Feldterrassen formen, klettert Pfade hinan, die von lokalen Bauern genutzt werden.

Einen der längeren Bergab-Abschnitte kommen uns Bauersfrauen mit Bambuskörben am Rücken entgegen, die Bambussprossen sammeln gehen.

Ein Anstieg nach einem Farmhaus, und eine Ziege blöckt, etwas verwirrt von all den Leuten, die an ihr vorbeilaufen.

Einige Abschnitte, bergauf und bergab, war es nur möglich zu laufen, während man sich bückt und die Äste vermeidet, durch die der Weg – tunnelartig durch das Dickicht – verläuft.

Lange Anstiege wechseln sich ab mit noch längeren Bergab-Abschnitten.

Und dann wurde es noch seltsamer – und klar, warum eine Stirnlampe zur Pflichtausrüstung gehört. Es geht vorbei, wieder einmal, an einem Farmhaus. An Feldern. Über Bergtrails.

Ab durch die Berg-Mitte

Und plötzlich geht es an eine Felswand. Mit einem tief liegenden Eingang direkt in den Berg… und in eine Höhle, die sich als gewaltig gross herausstellen sollte, quer durch den ganzen Berg, für eine ordentliche Distanz. Das Höhlendach oft so weit oben, der Strahl der Stirnlampe reichte dafür nicht aus. Scharfe Steine auf dem Weg. Man läuft im kleinen Lichtkegel der eigenen Stirnlampe, der Weg markiert von kleinen Blinklichtern.

An einem Punkt läuft man durch etwas Guano, hört das Gezirpe von Fledermäusen irgendwo über seinem Kopf.

Gegen Ende der Höhle, die man beim Loushan Warrior Race durchläuft

Nach langer Zeit sieht man Licht und kommt an den Ausgang auf der anderen Seite des Bergs.

Und plötzlich ging es (dem GPS nach nur) schnurstracks durch den Berg

Üppige Vegetation umfängt einen sofort wieder.

Ein Streckenabschnitt, der im Race Briefing zu sehen war, ist voraus; es geht mit einem Seil, an das man sich besser etwas anhält, steil und matschig bergab.

Bergab… mit mir

Schlussendlich zahlte ich eben für all das Ab und Auf.

Beim Hongweiqiao-Kontrollpunkt bei Kilometer 26 war ich noch extrem glücklich, dass ich mich mit den Zeitlimits verschaut hatte und immer noch 1,5 Stunden hatte, um zum Kontrollpunkt bei km 30,3 zu kommen, bevor das Zeitlimit dort vorbei wäre… und dann ging es auf den undankbaren Anstieg zwischen diesen zwei Kontrollpunkten.

Bergauf durch Felder, bergauf auf Strassen, bergauf auf Trails, bergauf, bergauf, bergauf.

Ich brauchte bald so viele Pausen, und ich brauchte einfach so lange, es fühlte sich an, als wäre ich rückwärts unterwegs.

Die Hoffnung wurde bald, es nicht mehr rechtzeitig zum nächsten Kontrollpunkt zu schaffen, damit alles einfach entschieden wäre.

Die Uhr(en) zeigten mir, dass ich schon mehr als 30 km unterwegs gewesen wäre, und der nächste Kontrollpunkt schien dennoch in weiter Ferne.

Und dann war ich dort. Gerade noch rechtzeitig, dass ich gefragt wurde, ob ich weiterlaufen – haha, “laufen” – wollte… und ein neues chinesisches Wort lernte: Tui. “Ablehnen, aufgeben, das Handtuch werfen.”

Studie in Kontrasten…

Es wartete die Weiterreise nach Guilin und in andere Teile von Guizhou auf mich; um bis zur Ziellinie zu kommen, hätte es noch einmal so viel Anstieg auf den verbleibenden 20-25 km der Strecke gegeben. Ein DNF war also die einzig sinnvolle Entscheidung.

Die Erfahrung war auch so schon eine unvergessliche, mit Eindrücken, an die ich mich lange erinnern werde. Und vielleicht gibt es ja 2020 einen neuen Versuch.

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