Veilance, jetzt offiziell nicht mehr länger “Arc’teryx Veilance”, wird nur jenen etwas sagen, die sich für “performance menswear” interessieren.

Bei all dem Auf-und-ab der Modebranche, dem Thema Nachhaltigkeit und Fragen rund um persönlichen Stil, da ist die Marke Faszination und Favorit von mir.

Veilance hat dieses Jahr, 2019, 10-Jahre-Jubiläum gefeiert. Es scheint beliebter zu werden – aber ich möchte über andere Aspekte der “Performance” sprechen, nämlich jener als nicht-modischer Beitrag zu Stil und Funktion, in Sachen Langlebigkeit und, mit all dem, Nachhaltigkeit.

Ist das nötig?

Was beim Thema Nachhaltigkeit zuallererst bedacht werden sollte, das ist schliesslich, ob etwas wirklich benötigt wird und seinen Zweck gut erfüllen wird. Oder nur ein Stück Fast Fashion zum Kaufen und Wegwerfen ist.

T-Shirts und Jeans, Anzüge und Kleider – sie scheinen nicht die grossen Probleme mit dem Thema Nachhaltigkeit darzustellen.

Tatsächlich allerdings zählt die Bekleidungsindustrie zu den grössten Problemen. Und sie ist ein Bereich, in dem unser Kauf- und Nutzungsverhalten enormen Einfluss hat.

Fashion: Untragbar?

Man muss sich nur etwa dies hier vor Augen führen:

Textilienproduktion ist eine der meist-verschmutzenden Industrien; sie produziert pro Jahr 1,2 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent. Das sind mehr Emissionen als internationale Flüge und Containerschifffahrt ausstossen.

THE PRICE OF FAST FASHION. NATURE CLIMATE CHANGE VOLUME 8, PAGE1 (2018)

Der durchschnittliche jährliche Bekleidungskonsum in den USA ist seit 2000 im Wesentlichen konstant geblieben – bei “nur” 70 Stück pro Jahr, pro Person.

In Deutschland sollen es im Schnitt auch 40-70 Kleidungsstücke sein, die pro Person pro Jahr gekauft werden.

Im Durchschnitt werden in den USA damit 40 kg an Textilien jährlich entsorgt, der Grossteil davon Bekleidung.

Die modischen Influencer, die man in ihren #ootd (Outfit of the Day, Outfit des Tages) so toll findet, bestellen wahrscheinlich einen Grossteil des Gewands online, nur um damit Fotos zu machen und es gleich wieder zurückzuschicken.

#ooed – Outfit of Every Day?

Wir richten damit einen gehörigen Schaden an. Und es ist sowohl der Fehler der Unternehmen, die “fast fashion” heftig gepusht haben, als auch unser eigener Fehler, wenn wir glauben, dass wir stets die neuesten Trend-Stücke haben müssen und an der Demokratisierung des Luxus teilnehmen, wenn wir uns ständig Neues und Günstiges kaufen.

Sich eine eigene “Uniform” zuzulegen, wie das in Silicon Valley so gerne thematisiert wird (zugegeben, eher ein männliches Privileg), sich zumindest auf einen eigenen Stil festzulegen, das würde gewaltig helfen. Mit Produkten, die ihre Funktion langfristig erfüllen, umso mehr.

Das ist ein grosser Teil dessen, woher mein Interesse an Performance Menswear, auch als Techwear bezeichnet, herkommt.

Was ist Performance Menswear?

Die Idee hinter Performance Menswear war es, speziellere Materialien (wie sie in Outdoorbekleidung für ihre Leistung – eben Performance – verwendet werden) herzunehmen, mit spezielleren Schnitten zu verarbeiten und darauf Bekleidung zu produzieren, die gut funktioniert und gut aussieht.

Manchmal wird das alles etwas spezielle “Techwear”; oft geht es in Richtung zeitloser Looks.

Es ist alles durchaus etwas speziell. Nicht so ganz einfach zu verstehen. Aber auch nicht für jedermann gedacht. Bedenkt man, dass William “Die Zukunft ist bereits hier, nur nicht gleich verteilt” Gibson einen gewissen Einfluss hierauf hatte, nun ja…

Experimentelle Problemfälle

Von Veilance gab es durchaus schon Dinge, die nicht so gut funktioniert haben.

Ich erinnere mich gut an die frühen Voronoi Pants, deren Kombination an Material und getapeter Naht bedeutet hatte, dass sich der Stoff genau so umknickte, dass er sich aufgerieben hat. Und das Ganze besonders im Schritt. Nicht so gut.

Jacken und Blazer

Die Jacken und Blazer, andererseits, sind gute Beispiele für einen Hauch Leistung in smarter Bekleidung.

Erfahrung mit Field Jackets

Das Schlimmste, was mir mit Jacken geschehen ist, dass war das Delaminieren des Gore-Tex in meinem originalen, normalen, Field Jacket, in der Kapuze, wodurch es nicht mehr wasserdicht war.

Ein Schatten des Field Jacket IS aus einem früheren Review (nur auf Englisch)

Zu dem Zeitpunkt hatte es mir schon einige Winter gedient. Und der Garantieservice von Veilance hat es ausgetauscht – bzw. habe ich, gegen Aufzahlung, ein Field Jacket IS (die isolierte Variante) bekommen, das ich noch immer habe und nutze. Und schon in Beijing, als ich dort vor einigen Jahren arbeitete, mit hatte.

Erfahrung mit Blazern

Die Blazer sind etwas unterschiedlich, was das Thema Leistung betrifft. Soll heissen, sie sind nicht so sehr auf Performance und spezielle Materialien fokussiert (insbesondere da ich – noch? – keinen Indisce Blazer habe, der aus Gore Windstopper gemacht wäre).

Selbst die “normalen” Veilance Blazer haben allerdings den Hauch von speziellen Eigenschaften.

Die leichte LT Version für den Sommer lässt sich klein zusammenpacken, sieht zerknittert immer noch gut aus und trägt sich auch im heissen Sommer sehr gut.

Enclothed Self Presentation

Der Haedn Blazer sieht aus wie ein klassischer Blazer aus Wolle, aber hat nette Innentaschen mit Zipp, eine kleine Zipp-Tasche, die sich hinter dem Revers versteckt, und ein Revers, das dazu gedacht ist, es aufzustellen und damit mehr Schutz zu haben, wie von einer geschlossenen Jacke.

Das ist nur ein kleiner Touch, aber einer, der mir an herkömmlichen Blazern immer gefehlt hat.

Alles sind nur kleine Kniffe, aber die Kombination aus klassischer Silhouette, die zeitlos ist (jedenfalls solange die extra-weiten Revers der 1970er kein Comeback feiern) und spezieller solcher Kniffe macht ein gutes Gefühl.

Das Gefühl, das man als Träger dieser Kleidung hat, der Stil, den man anderen signalisiert – darauf kommt es, ob man es nun akzeptieren will oder nicht, mindestens so sehr an, wie auf die Leistungseigenschaften der Materialien, den Komfort und den Schnitt.

Das Field Overshirt, ein unerwarteter Favorit

Unerwartet ist ein eher ungewöhnliches Stück zu einem Lieblingsteil für Reisen geworden, das Field Overshirt.

Sein Material ist einfach nur ein dicht gewebtes Polyester, das zwar von ein wenig Niederschlag und Wind schützt, aber nicht viel mehr.

Reiseunterstützungssystem

Darum allerdings kann man es auch in einem breiteren Bereich an Bedingungen anziehen – inklusive, was anderer Art angeht.

Ich habe es als Reisebekleidung schätzen gelernt. Da ist die klassische, militärisch inspirierte 4-Taschen-Konstruktion wie bei einem Field Jacket nämlich sehr hilfreich, um Pass und Smartphone und andere essentielle Dinge bei sich zu haben, sei es auf einem Flug, in einem Zug oder am Weg durch eine Stadt.

Anzugersatz

Beim diesmaligen Aufenthalt in China hat es sich auch vom Stil her als Glücksfall herausgestellt.

Zugegeben, manchmal erinnert es ein wenig zu sehr an den “Mao-Anzug”; ich habe manchmal kommunistischer ausgesehen, als die kommunistischen Kader, mit denen ich – das Overshirt tragend – zusammengetroffen war.

Es hat allerdings gut gepasst, weil man es nicht nur komplett geschlossen tragen kann.

Man kann es auch soweit öffnen, dass man ein kleineres Revers produziert, oder soweit, dass es einem Blazer ähnlich sieht und als Ersatz für einen solchen getragen werden kann. Sogar mit weissem Hemd und Krawatte.

Von einer (Pseudo-)Anzugjacke zu einer geschlossenen Reisejacke, die an kühleren Nächten (und die wichtigsten Reiseutensilien) schützt, alles in einem – das probiere mal einer mit einer herkömmlichen Anzugjacke.

Spec Pants / Field Pant – Stealth Shirt / Operand Shirt

Meine zwei (Sets an) absoluten Lieblingsstücken, die auch von der Haltbarkeit und Zeitlosigkeit sprechen, das sind  allerdings die Windstopper “Cargo”-Hosen und täuschend simplen Hemden.

Nämlich Spec Pants und Stealth Shirt von vor Jahren, nahe den Anfängen von Veilance und Field Pants und Operand Shirt von vor zwei Jahren.

Auf vielerlei Art sind die neuen dieser Stücke neue Iterationen der alten.

Die Hosen

Die Field Pants zeigen wieder einen sehr ‘angulären’ Cut, haben extra Taschen seitlich an den Oberschenkeln und sind aus Gore-Tex Windstopper-Material gefertigt – wie es schon bei den Spec Pants der Fall war.

Sie sind neu unter den wenigen ausgewählten Stücken Bekleidung, die ich nutze; die Spec Pants dafür habe ich schon jeden Winter genutzt, seit ich sie gekauft habe – und sie sind noch immer gut.

Ein wenig von ihrer Farbe ist ausgeblichen, aber das war es dann auch schon wieder mit Problemen. Sie sehen immer noch gut genug aus, dass man sie auch bei spezielleren Anlässen tragen kann, und natürlich schützen sie in Winterkälte immer noch gut.

Materialien und Schnitte haben sich allerdings verbessert. Die Field Pant ist durchaus ein schöneres Stück. Hält sie auch wieder so lange, dann bin ich wohl für das nächste Jahrzehnt gerüstet.

Die Hemden

Das Operand Shirt hat hingegen einen Schnitt bekommen, der für mich irgendwie nicht so gut funktioniert, wie das beim alten Stealth Shirt der Fall war. Es hat eine Neigung, sich aus der Hose nach oben zu ziehen, so dass man es wieder unter den Hosenbund stopfen muss. Aber bitte, dass ist bei anderen Hemden auch nicht gerade selten der Fall.

Bei anderen Hemden allerdings selten ist, dass sie aus einem Material gefertigt wären, in das Kevlar eingearbeitet ist, in einer schönen grünlichen Farbe. Das Hautgefühl ist ein wenig seltsam; besser trägt es sich mit einem Unterhemd, aber man kann es in allen Bedingungen ausser heissen Sommern tragen, zumindest meiner Meinung nach.

Das Stealth Shirt war noch etwas experimenteller in seinem Design, nicht zuletzt darin, dass die Ärmelbünde mit Zipp gearbeitet sind, aber es passt genauso gut (und besser, ohne so sehr aus der Hose zu schlüpfen) als ein gut aussehendes Hemd.

Das Material hat sich unheimlich gut gehalten; ich kann gerade einmal ein gewisses Ausbleichen oberhalb der Druckknöpfe und, innen, ein allmähliches Abgehen der Nahtbänder (ja, die Nähte der Veilance-Kleidungsstücke sind mit Nahtband geklebt) bemerken.

Das Resultat

In meiner Erfahrung also sind das Kleidungsstücke die sich für – wortwörtlich – Jahrzehnte tragen lassen.

Das war die Performance, die Leistung, nach der ich suchte. Und die die hohen Preise dieser Stücke gerechtfertigt. Zumindest, wann immer sich so etwas überhaupt leisten lässt…

(*Teuer sind sie, vor allem wenn man sie mit billigem Ramsch vergleicht. Nicht allerdings, verglichen mit Gewändern von Luxusmarken – selbst wenn die reduziert angeboten werden. Und besonders, wenn die so gemacht sind, dass sie gerade einmal ihre jeweilige Saison wirklich tragbar sind).