Nach #Microexploration-Art kehrte ich diesen Sommer zum Baoning Si Chan-Buddhistischen Tempel zurück zum “mehr sehen, mehr lernen”.

Mit der Weiterentwicklung des Tourismusangebots in Jiubujiang (dem alten Heimatort meiner Frau) und um seinen Stausee ist auch dieser Tempel jetzt nicht mehr ganz so versteckt.

Zumindest gibt es mittlerweile ein Strassenschild, das gleich von der Strasse zum See und dem dortigen neuen Tourismusareal auf ihn verweist. Man muss allerdings immer noch der Strasse bis hinauf ans andere Ende des Sees folgen, um zum Baoning-Tempel zu gelangen.

Ein Über-Blick auf Baoning Si

Der – oder vielleicht sollte ich sagen, dieser, denn sein Namensvetter in Shanxi ist noch immer wesentlich bekannter – Baoning Si liegt trotzdem im tiefen ländlichen Hunan. Er ist so weit von allem, was irgendeine Bedeutung hat, irgendeinen wichtigen Verkehrsknoten oder irgendeine Attraktion darstellt, wie man nur sein kann.

Kein heiliger Berg, kein grösserer Fluss, keine alte Handelsstrasse…

Und trotzdem, hier liegt dieser Tempel.

Dieses Mal brachte ich, für einen wahren Überblick, auch wieder meine DJI Spark mit – und wusste, wie man sie nutzt.

(Bei meinem ersten Besuch hier hatte ich die kleine Drohne auch schon, aber ich hatte sie gerade erst gekauft und wusste deswegen noch nicht, wie man sie nutzt – und traute mich auch nicht.)

Hunan Baoningsi Droneview

Der Blick von oben ist interessant. Und der kleine Blick in die Umgebung verstärkt nur den Eindruck, dass es sich hier schon um ein ziemlich abgelegenes Areal handelt. Die Lage am Fuss eines kleinen Berges ist nett, aber nichts so besonderes.

Baoning Si – Menschen

Auf unserem Weg durch den Tempel, zuerst einmal um gute Besucher zu sein und unsere Ehrerbietung zu erweisen, machten meine Frau und ich die seltsamsten Begegnungen.

Zuerst, ein alter Mann. Mit “alt” fängt man aber kaum an, ihn zu beschreiben. Er sah mehr als nur alt aus, halb-blind. Und er sprach in einem Dialekt und auf eine Art, so dass selbst meine Frau kaum irgendetwas verstehen konnte, ausser, dass er schon lange, lange Zeit hier war.

Dann wieder war da das Paar mittleren Alters, mit denen es das Leben wohl ganz gut gemeint hatte. Und die definitiv devot waren. Der Mann half uns etwa, ohne irgenwelche Anstalten zu machen, mit dem Räucherwerk und dem “Höllengeld”… und als wir ihn später noch einmal sahen, sollte sich herausstellen, dass er ein wenig über die Japan-Beziehung des Tempels wusste.

Zeichen der Beziehung zu Japan

Das Grabmal, das ich das letzte Mal schon bemerkt hatte, das ich mir aber nicht genauer hatte ansehen können, war doch tatsächlich in Erinnerung an den japanischen buddhistischen Mönch (oder zwei derselben?), die hierher gepilgert waren, um Chan/Zen-Buddhismus zu lernen, errichtet worden.

Buddhistisches Denkmal, Baoningsi, Hunan
Denkmal für den/die japanischen Mönch(e), die hier Buddhismus studierten

Diesmal hatte ich auch ein wenig mehr Zeit, und so folgte ich meiner Neugier den Weg dort weiter hoch.

Die Lage all dieser Plätze ist eine seltsame, an der Seite des buddhistischen Tempels und hinter ihn ziehend. Und damit schon näher am taoistischen Tempel, der gleich neben den Baoning-Si gebaut worden war. Die Kombination ist nicht ganz unüblich, aber die Situation schon komisch.

Wie auch immer dem sei, der Pfad hier geht jedenfalls etwas weiter… und führt nach wenigen Schritten schon zu weiteren Grabmalen. Und zu einem Baum, der tausend Jahre alt sein soll.

Weitere Denkmäler/Grabmäler über dem Baoningsi
Weitere Denkmäler/Grabmäler über dem Baoningsi

Eindrucksvoll – und immer noch nicht alt genug, um hier schon gewachsen zu sein, als die dort begrabenen Mönche in dem Tempel studierten! Deren Lebenszeit soll um die 700-800 gewesen sein!

Die Stupa, die nicht da war

Mein bester Fund da oben – und ein vertieftes Rätsel: Dort oben war auch ein modernes Schild, das zu einer Putong Stupa zeigen sollte. Dies könnte wohl jenes Bauwerk sein, das eine Delegation aus Japan hier angeblich in Erinnerung an den Vorfahren ihrer Schule des Zen hatte bauen lassen.

Zumindest soll das geschehen sein, als sie zum zweiten Mal an diesen Ort kamen und die lokale Bevölkerung davon hatten überzeugen können, dass diese Beziehung tatsächlich existiert. Beim ersten Mal, so wird erzählt, waren sie ausgelacht und weggeschickt worden.

Einstellungen in Bezug auf Japan sind wohl immer noch wenig verändert.

Die Beziehung des Tempels zu Japan wird auf einer erklärenden Tafel beim Eingang erwähnt. Der Weg, zu dem das Zeichen hin zu der Stupa zeigt, war allerdings überwachsen und von herabgefallenen Ästen so weit blockiert, dass ich ihm lieber nicht weiter folgte.

Meine Frau wartete auf mich und hatte mir oft genug von den Giftschlangen in den Bergen erzählt, so dass selbst meine Neugier ihre Grenzen fand…

Tempelleben!?

Den Rückweg nahmen wir durch die Gebäude auf der Seite des Areals, unterhalb des taoistischen Tempels. Ein Mann an dessen Eingang hatte gemeint, wir sollten so gehen… und wie sich herausstellte, lebte (s)eine Familie dort.

Gleich die erste Treppe hinunter waren die Kohleblöcke, wie ich sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, aufgestapelt. Einer der alten Kochherde für diese Kohle stand auch gleich dort.

Im nächsten Innenhof war ein kleiner Junge mit seinem Spielzeuggewehr beschäftigt, seine Mutter mit Essenszubereitung.

Allzu viele Nicht-Chinesen schienen sie noch nicht gesehen zu haben; allzu beeindruckt waren sie davon auch nicht. Erholsam, wenn man schon zu oft angestarrt und anderen gezeigt worden war.

Der Junge plauderte einfach ein wenig mit uns und zeigte mir seltsamem “Onkel” und dem “Tantchen” wie wir weiter gehen sollten.

Natürliche Beziehungen

Es hätte mich wohl nicht überraschen sollen, Leute zu finden, die hier lebten.

Bei unserem früheren, ersten, Besuch hatte mich etwas weisses Chilli (bai lajiao), das zum Bleichen und Trocknen in der Sonne lag, schon am Weg zum Tempelgebäude begrüsst.

Diesmal lag im Innenhof etwas an huajiao (Sichuanpfeffer) und anderen Kräutern zum Trocknen.

Trocknende Kräuter im Baoningsi
Trocknende Kräuter im Baoningsi

Natur spielt auch im Baoningsi als Tempel eine Rolle.

Auf seiner einen Seite findet sich sein Guanyin-Taro, der dort schon seit ewigen Zeiten wachsen soll…

Das Guanyin Taro im Baoningsi
Das Guanyin Taro im Baoningsi

… und auf der anderen Seite findet sich eine kleine Quelle, die (wenn ich mir die Geschichte richtig gemerkt habe) noch nie versiegt sein soll.

Die Quelle im Baoningsi
Die Quelle im Baoningsi

Wenn das Wissen der Welt nicht reicht

Nun ja. Wieder etwas mehr von diesem Tempel erfahren. Bilder von den alten Grabinschriften und den neueren Markern. Und noch immer kein eindeutiges Wissen um die historische Bedeutung des Tempels.

Manche Dinge bleiben, selbst in dieser Zeit, wo alles Wissen der Welt nur eine Online-Suche weit weg sein soll, dennoch rätselhaft…