Das Interstellar Bivy von Outdoor Research zielt auf den Sweet Spot von Schutz, Nützlichkeit und Leichtigkeit, mit einem “Wearable”-Ansatz in Bivy-Format.

Das Bivy war mir gleich aufgefallen, als OR es auf der OutDoor im Sommer 2018 zeigte.

Möchte man schnell und mit wenig Gepäck über Trails, dann möchte man sich schliesslich nicht mit einem ganzen Zelt beschweren. Ein Biwak hat dann allerdings, klein und leicht wie diese oft sind, schnell Probleme, gegen eine blosse Rettungsdecke wirklich zu überzeugen – geschweige denn gegen ein kleines Zelt, dass auch Platz bieten würde, um Campaufgaben zu erledigen.

Das Outdoor Research Interstellar Bivy, das fügt sich genau zwischen diesen Ansätzen ein…

Klare Offenlegung zuerst: Ich habe das von mir getestete Interstellar Bivy von Outdoor Research gratis, aber auch ohne Abmachungen bekommen; dementsprechend frei bin ich in meiner redaktionellen Berichterstattung darüber.

Morgendlicher Ausblick nach Berg-Übernachtung
Morgendlicher Ausblick nach Berg-Übernachtung

Warum ein Bivy anders gestalten?

Das Helium Bivy von Outdoor Research hatte mich schon zu vielen interessanten Erlebnissen begleitet und mir gute Dienste geleistet.

Ich mochte es schon sehr – und nicht nur, weil ich auch dieses Bivy gratis für einen eventuellen Review bekommen hatte. Es ist leicht und nützlich – es hat aber durchaus auch seine Schwachstellen, über die ich auch berichtet habe.

Das Interstellar Bivy wurde mit Feedback on Outdoor Research-Nutzern gestaltet – und man merkt es.

Es gibt dennoch einiges, was man wissen und sich überlegen sollte. Und ich muss gleich anmerken, dass ich dieses Bivy erst seit Ende 2018 habe, also erst über ein paar Monate im späten Herbst und vor allem über den Winter. Dementsprechend werde ich Erfahrungen aus dem Sommer erst noch hier (oder in einem zweiten Review) hinzufügen müssen.

Erste Eindrücke vom Interstellar Bivy kann ich aber vermitteln.

Wie immer basieren diese auf meiner praktischen Erfahrung mit der Ausrüstung, in wirklicher Nutzung. Und abgesehen von ein paar Kleinigkeiten habe ich dieses kleine “interstellare” Zuhause-in-der-Ferne sehr zu schätzen gelernt.

Erste Eindrücke

Für ein Biwak, dass nicht mehr nur für wärmeres Wetter (3 Jahreszeiten, wie beim Helium Bivy) sondern für alle 4 Jahreszeiten empfohlen wird, überrascht das Interstellar Bivy erst einmal mit Gewicht und Grösse.

Eingepackt braucht es nur unwesentlich mehr Volumen als das Helium Bivy und wiegt auch nur eine Kleinigkeit mehr, die man kaum bemerkt:

Das (alte*) Helium Bivy mit seinem Pertex Shield+ wiegt 510 Gramm; das Interstellar Bivy, gemacht aus AscentShell, wiegt 564 Gramm.

Beide Gewichte beinhalten die einzelne Delrin-Stange, mit der die Biwaks geliefert werden (und die selbst um die 50 Gramm wiegt).

[*Vom Helium Bivy ist diese Saison eine neue Version herausgekommen, die jetzt nur noch 476 g wiegt.]

OR Helium Bivy vs. Interstellar Bivy, im Packsack
OR Helium Bivy vs. Interstellar Bivy, im Packsack
OR Interstellar Bivy vs. Therm-a-Rest NEOAir
OR Interstellar Bivy vs. Therm-a-Rest NEOAir… Man bekommt schon hier einen Eindruck vom Problem mit Winter-Isomatten…

Beim ersten Aufbau merkt man, dass man sich an das Interstellar Bivy ein wenig wird gewöhnen müssen. Dieselben Punkte, die da als potentielle Probleme auffallen, sind es aber auch, was den Nutzen wesentlich erweitert…

Wie das Interstellar Bivy aufgebaut wird und steht

Die “Zeltstange” durch ihre Textilröhre zu bringen ist, zumindest am Anfang, eher schwieriger, als es beim Helium Bivy der Fall war. Es hat aber seinen guten Grund, dass das Material an jener Stelle etwas härter ist:

Beim Interstellar Bivy ist der Bogen und mit ihm der Eingang etwas anders organisiert.

Der Bogen liegt nun gleich oberhalb des Kopfs und bildet (logischerweise) den Abschluss des Biwaks.

Interstellar Bivy mit geschlossenem Moskitonetz
Interstellar Bivy mit geschlossenem Moskitonetz

Der Eingang ist dementsprechend nicht länger am ober(st)en Teil des Biwaks (wie beim alten und neuen Helium Bivy), noch “über” dem Bogen mit der “Zeltstange”, sondern im ganzen oberen Drittel des Biwaks.

Dementsprechend sieht das Interstellar Bivy noch weniger nach einem Zelt aus als das Helium. Vielmehr ist es nun endgültig nur eine Hülle für Schlafunterlage und Schlafsack geworden. Und das, zum Besseren.

Ist nämlich erst einmal die Isomatte – oder besser gleich noch eine Person – im Interstellar Bivy, dann steht das nun wirklich gut.

Stange/Bogen fallen nun nicht länger zur Seite und deponieren die Biwakhülle oder das Moskitonetz am Gesicht des Biwaknutzers. Vielmehr halten diese die Hülle und das Moskitonetz sehr schön vom Gesicht fern.

Interstellare Nachthimmelbetrachtungen

Zumachen bzw. einsteigen in das Interstellar Bivy (genau wie seine Schwester, das Stargazer Bivy) kann man nun also ganz am Kopf des Biwaks oder von der Seite; die Zipps reichen weit genug, dass man das ganze obere Drittel des Biwaks öffnen kann.

Das klingt vielleicht so, als ob Regen einfach hinein fallen könnte, mehr noch als beim Helium Bivy, wo die oberen Teile (zumindest meistens) so fallen, dass das Biwak von ihnen verschlossen wird. Es bedeutet aber tatsächlich Vorteile.

Zum einen kann man, so weit, wie die Zipps eben gehen, nun auch von der Seite her einsteigen und Niederschlag so abhalten.

Wichtiger noch ist, dass man dank dieses Designs das Cover aus AscentShell-Material weit öffnen, aufrollen und an einem Haken-mit-Schlaufe mitten am Bivy fixieren und so – ausser vielleicht auf den Seiten – vom Flattern abhalten kann. (Und wäre so viel Wind, dass die Seiten flattern, dann wird man wohl kaum überhaupt das Bivy so weit öffnen.)

Haken und Schlaufe, um das geöffnete Cover zu fixieren
Haken und Schlaufe, um das geöffnete Cover zu fixieren

Dann kann man wunderbar unter dem Moskitonetz liegen, die Moskitos auf sicherer Distanz wissen und sich genüsslich dem Sternenhimmel hingeben.

Genau, wofür ich Biwaks liebe.

Nutzung bei Schlechtwetter: Die “Tragbarkeit” des Interstellar Bivy

Erfahrung in mehr als etwas Schneefall habe ich mit dem Interstellar leider noch nicht erlangen können, geschweige denn Camparbeit in sch…lechtem Wetter erledigen müssen.

Das Interstellar hätte dafür aber immerhin einen speziellen Trick:

Das Interstellar Bivy verleiht dem Wort “Wearable” eine neue Bedeutung. Es geht nicht um eine App, irgendetwas elektronisches, sondern um ein Biwak, dass man sich gewissermassen anziehen kann.

Camparbeiten, das Interstellar Bivy tragend
Camparbeiten, das Interstellar Bivy tragend

Das beste Waterproofing liegt im Detail

Erst einmal sollte gesagt werden, dass die Zipps sehr gut geschützt liegen.

Das verstärkte Material, dass mit der “Zeltstange” den Bogen bildet, legt sich schon über die Reissverschlüsse. Dann, gleich unter diesen (Richtung Fuss) biegt sich das dortige Obermaterial wieder gegen sich selbst, so dass Wasser auch von dort nicht so schnell an den Zipp gedrückt werden kann.

Fester Überschlag und Falte oben...
Fester Überschlag und Falte oben…
... und die Zurückfaltung gegen Boden, so dass das Wasser nicht zum Zipp kommt
… und die Zurückfaltung gegen Boden, so dass das Wasser nicht zum Zipp kommt

Wo der Bogen schliesslich zum Boden kommt, dort faltet sich dieser umgeklappte Teil des Obermaterials wieder in die andere Richtung, so dass Wasser über den Zipp hinweg fliesst, ohne an ihn zu kommen…

Solche kleinen Details, die grosse Aufmerksamkeit für die möglichst sinnvolle Konstruktion zeigen, sehe ich in Outdoor-Ausrüstung nur zu gerne.

Die Leistung des AscentShell-Materials

Das AscentShell, aus dem das Interstellar Bivy gemacht ist, das findet man u.a. auch im Interstellar Jacket von Outdoor Research. Und es scheint wirklich gut zu funktionieren.

Mit Niederschlag habe ich bisher keine Probleme gesehen (zumindest soweit ich diesen bisher erlebt habe, einen Regensturm etwa habe ich noch nicht in diesem Bivy verbracht) und das Material ist offensichtlich sehr gut atmungsfähig.

AscentShell Atmungsfähigkeit

Die Atmungsaktivität kann man, zuallererst einmal, schon alleine dann bemerken, wenn man das Bivy aufrollt.

Mit dem Helium Bivy muss man am Fussende anfangen und es in Richtung der leicht geöffneten Zipps am Kopfende aufrollen, um alle Luft hinaus zu bekommen.

Das Interstellar hingegen kann man auch anders herum aufrollen, vom Kopf zum Fuss. Durch die AscentShell-Membran fliesst die Luft einfach durch, wie sie es durch das Pertex Shield+ nicht tut.

Zumachen – und weiter atmen

Man merkt die Atmungsaktivität erst recht, wenn man das Bivy über sich schliesst – und dies ist schliesslich ein Bivy, das für 3-4-Jahreszeiten gebaut ist, also auch für den Winter:

So sehr ich das Helium Bivy schon mochte, man muss jenes Bivy zumindest leicht offen lassen oder man fühlt sich, als würde man langsam erstickt werden, keine Luft mehr bekommen.

Im Interstellar Bivy hatte ich überhaupt keine derartigen Probleme.

Ich habe es gegen die frierenden Nächte komplett geschlossen, und es gab überhaupt keine Probleme mit der Atmungsaktivität, keinerlei Unwohlsein.

Gerade einmal ein wenig Eis hatte sich genau über meinem Mund kristallisiert und nieselte am Morgen, als ich das Bivy wieder aufmachte, auf mein Gesicht.

Das war es dann aber auch schon mit derartigen Problemen, und dieses Eis war, Minuten nachdem ich das Bivy aufgemacht hatte, schon wieder verschwunden.

Kondenswasser, Eis oder sonstiges war nirgendwo im Biwak zu bemerken (und ich hatte die meisten der Dinge, die man am Video um das Biwak liegen sehen kann, die Nacht über neben meinem Schlafsack in dem Biwak liegen gehabt).

Biwak, Tragbar

Der zweite Teil der besonderen schützenden Natur des Interstellar Bivy ist, wo es “wearable” wird. Und ein wenig kompliziert:

Die Kopf-“Beule”

Im Kopfteil des Bivy gibt es eine kleine Beule, in die man – Überraschung! – seinen Kopf geben kann, um diesen Teil des Bivy wie einen Hut tragen zu können.

Der ganze Kopfteil wird damit wie eine Kapuze oder ein Hut mit weitem Kragen, dessen Rand durch den “Zeltbogen” gebildet und in Form gehalten wird, der sonst den Oberteil des Biwaks weg vom Gesicht seines Nutzers hält.

Die "Beule" für den Kopf, wie von aussen zu sehen...
Die “Beule” für den Kopf, wie von aussen zu sehen…
... und wie sich das Bivy-Kopfteil damit als Hut tragen lässt...
… und wie sich das Bivy-Kopfteil damit als Hut tragen lässt…
... wenn es nicht schiefläuft und versucht, zum Liegen zu kommen.
… wenn es nicht schiefläuft und versucht, zum Liegen zu kommen.

Probleme gibt es mit dieser Idee leider schon: Wenn man eine Mütze aufhat oder seinen Schlafsack gerne komplett übergezogen hätte – und insbesondere, wenn man eine Winter-Schlafunterlage mit im Biwak hat – dann versucht diese ganze “Innenausstattung”, das Biwak wieder in die Horizontale zu ziehen.

Bleibt es “tragend”?

Meistens hält man es dann also nicht an dieser “Beule” aufrecht, sondern nur mit der Stirn, gegen die sich der Zeltbogen presst.

Das liegt wohl auch etwas daran, dass das Bivy eine dickere Winterausrüstung gerade mal gut unterbringen kann, aber vergleichsweise eng geschnitten ist.

Man hat Platz für z.B. die Schuhe im Inneren, auch für ein wenig andere empfindlichere Ausrüstung und kommt sich dank des Bogens auch nicht beengt vor. Es ist aber dennoch ein Bivy, und eines, das eben “tragbar” sein soll, kein Zelt.

Die (gesamten) Zipps über dem Kopf. Nah, und doch nicht zu nah.
Die (gesamten) Zipps über dem Kopf. Nah, und doch nicht zu nah.

Hat man nur seinen Kopf in dieser Beule, ohne eine Mütze, und insbesondere mit einer leichteren Schlafunterlage und einem dünneren Schlafsack, dann funktioniert – trägt sich – das Biwak viel besser auf diese Art. Dann allerdings ist das wahrscheinlich auch weniger nötig.

Zipps für Kopf und Arme

Für äussere Hülle und Moskitonetz gibt es zudem Zipps sowohl für die Arme als auch für den Kopf. Diese dienen – immer noch zum Stichwort “Tragbarkeit” – dazu, dass man das Biwak selektiv öffnen kann.

In einer Situation, wo es viele Moskitos gibt, zum Beispiel, kann man damit sein Gesicht hinter dem Moskitonetz verstecken, die äussere Hülle offen lassen und nur seine Arme hinausmanövrieren, um sich etwas zu kochen.

Oder man hält die äussere Hülle so weit wie möglich geschlossen, bis auf einen Sehschlitz und die Arme, wenn man sie für Camp-Erledigungen braucht, wenn man sich möglichst gut vor Niederschlag schützen will.

Das ist alles schon nützlich und eine interessante Idee, aber es bedeutet auch, dass man drei Sets an Doppelzippern (für Kopf und rechten und linken Arm) je am Moskitonetz und an der Hülle hat.

Ein klein wenig viele Zipps, wenn alles offen ist...
Ein klein wenig viele Zipps, wenn alles offen ist…

Ratschlag: Achte auf deine Zipps!

Sinnvolle Organisation ist daher höchst empfehlenswert:

Man sollte darauf achten, die Zipper dort zu haben, wo man sie braucht. Jene für die Arme also ganz unten an den Seiten, jene für den Kopf oben, wo der Kopf auch landet.

Oder vielleicht verschiebt man die zwei Teile für den Kopf am Moskitonetz weit nach unten, so man dieses einfach offen lässt, wenn man es nicht verwenden wird. Dann allerdings liegt das Moskitonetz so im Bivy, dass Isomatte und Schlafsack beim Bivy-Aufbau relativ leicht im Fliegengitter hängen bleiben, statt sich in das Bivy bewegen zu lassen.

Wie gesagt, das Ganze ist eine gute Idee, zugleich aber auch eine Sache, die etwas Gewöhnung braucht, bevor man sie wirklich gut nutzen kann.

Interstellar Stargazer: Warmwetternutzung

Zu  Biwaks in warmem Wetter habe ich es natürlich noch nicht geschafft, das Outdoor Research Interstellar Bivy ist schliesslich gerade erst im Winter/Frühjahr 2019 auf den Markt gekommen und auch ich hatte es nur ein wenig früher in diesem Winter bekommen.

Das Interstellar Bivy verspricht allerdings (ebenso wie sein kleiner Bruder, das Stargazer, dem nur die “Wearability” – die Tragbarkeit – des Interstellar fehlt) ausgezeichnet dafür zu sein:

Man kann schliesslich die Hülle öffnen und in der Mitte des Bivy einhaken, damit sie nicht (zu sehr) im Wind flattert – wenn der Haken und die Schlaufe dort wirklich dafür gedacht sind; sie sind etwas eng dafür.

Nur das Moskitonetz wird zugemacht, und schon wird man selbst nicht zu sehr gesehen, hält Moskitos sicher weg von seinem Gesicht und kann in der Weite des Sternenhimmels über sich versinken…

Und das Bivy verschwindet, zumindest in der "Storm"-Farbgebung ziemlich in der Landschaft
Und das Bivy verschwindet, zumindest in der “Storm”-Farbgebung ziemlich in der Landschaft

Grosse Erwartungen

Das schwerere Material hatte mich zuerst wundern lassen, ob ich im Sommer das Interstellar Bivy (oder nicht doch das altbewährte Helium Bivy) mit mir bringen würde.

Nach all den bisherigen Erfahrungen mit dem Interstellar wird es aber sicher dieses werden.

Es wird wohl eine Freude sein, an lauen Sommernächten daraus in den Sternenhimmel zu schauen – und ich werde sehen wollen, wie sich das Material in warmen (und humiden) Bedingungen bewährt.

Regenstürze werden auch interessant sein, nicht zuletzt auch, um zu sehen, ob sich die “Tragbarkeit” des Interstellar Bivy dann wirklich bezahlt macht und ohne Winterausrüstung, die die Mobilität damit einschränkt, nicht wesentlich besser nutzbar ist…

In letzter Zeit hatten leichte Zelte mich durchaus etwas gereizt, aber meine üblichen Fastpacking-artigen Touren über Nacht werden mich wohl mit dem Interstellar Bivy unterwegs sehen – und damit glücklich.