Das Weltmuseum Wien, das frühere Völkerkundemuseum, ist ein wunderbarer Ort, um sich dazu herauszufordern, sich mit der Lernerfahrung “Reisen” tiefer auseinander zu setzen.

Die Faszination Reisen soll darin liegen, Neues zu sehen. Neues kennen zu lernen. Unbekannte Eindrücke und Impressionen zu erleben. Fremde Kulturen zu entdecken.

Aber, tut es das?

“Das Andere”

Neu organisiert geht es im Weltmuseum Wien nicht mehr um das historische Interesse am exotischen und naturverbundenen.

Als die Habsburger anfingen, Kuriositäten und exotische Stücke aus aller Herren Länder zu sammeln, womit sie den Grundstein für das damalige Völkerkundemuseum legten, da war das “Andere” noch weit entfernt.

Im Fall von “Hochkulturen”, da ging es um Kuriositäten, aber sie wurden wenigstens als, wenn auch seltsame, Kulturgenossen angesehen.

Nicht ohne Grund findet man ägyptische Mumien und Kunst im Kunsthistorischen Museum. (Griechische und römische Skulpturen schon überhaupt.)

Im Fall der “weniger zivilisierten” allerdings – wozu meistens so ziemlich alle anderen, die nicht in Staaten oder einfach nur weit-genug entfernt lebten, gezählt wurden – da wurde oft ein “Naturzustand” vermutet. Zum besseren wie schlechteren…

Das Nicht-Mehr-So-Ferne

In der modernen, globalisierten, migratorischen Welt fand sich das ethnologische Museum selbst immer mehr als Anachronismus, der ein altes Weltbild repräsentierte. Daher eben die Neuorganisation, die bis Ende 2017 andauerte.

Seit der Wiedereröffnung Ende 2017 präsentiert das Weltmuseum einen anderen Zugang.

Eine gewisse regionale Organisation gibt es natürlich immer noch, schliesslich macht eine ebensolche einfach zu viel Sinn, wenn man über die Welt und ihre Vielfalt sprechen möchte.

Es wird allerdings ein Schwerpunkt auf die Geschichte der Beziehungen mit der Welt, vor allem natürlich durch Österreich und Österreicher, gelegt.

Es gibt auch zahlreiche neue Darstellungsweisen, in denen das exotische und traditionelle in den modernen Kontext gestellt wird – oder einfach gezeigt wird als das, wie Menschen heutzutage leben.

Blicke auf Ostasien

In meinen Lieblingsbeispielen dieser aktuellen Präsentationen geht es natürlich um Asien:

Zwei eher kleine Teile des Museums (in ihren jeweils eigenen Räumen) handeln von China bzw. Japan.

China, Gelobt und Ausgeraubt

Das Hauptobjekt der Chinasammlung hier ist ein Thron-Stellschirm, der von österreichischen Mitgliedern der Acht-Mächte-Allianz im Zuge der Niederschlagung der Boxerrebellion aus dem Nanhaizi-Jagdpalast entwendet wurde.

Es fällt immer noch leicht genug, nichts über diese chinesische Rebellion gegen ausländische Kräfte im Lande zu wissen; noch leichter fällt es, nichts davon zu wissen, dass Österreich-Ungarn ein Teil der dort kämpfenden – und raubenden – Acht Mächte gewesen war.

(Ich etwa hatte damit auch nur darum einigen Kontakt, weil im Zuge meiner Erkundung der buddhistischen Tempel in Beijing regelmässig die Rede von Zerstörungen in diesem Zusammenhang war…)

Kämpfe sind allerdings, natürlich, nicht der einzige Grund für Beziehungen zwischen Europa und China gewesen.

Weltmuseum Wien China Officials' Clothing

Während der Aufklärung wurde China oft als Paradebeispiel für ein Land, das vom Gesetz regiert wird, Philosophen schätzt und klare, starke Traditionen besitzt, geschätzt.
Im Weltmuseum findet man Hinweise darauf durch Objekte, welche auf die Bürokratie in China und die Beschäftigung europäischer Philosophen mit chinesischer Philosophie verweisen.

Nur einen Raum weiter landet man in Japan im 19. Jahrhundert.

 

Japan, Sich-Öffnend

Gerade, als die Beziehungen mit China stärker und kolonialistisch wurden, öffnete Japan sich mit der Meiji-Reform gegenüber der Welt – nach seinen eigenen Regeln.

Einer der frühesten Orte, wo Japan sich der Welt vorstellte, war auf der Wiener Weltausstellung 1873. Und zahlreiche Objekte, welche dort gezeigt worden waren, finden sich jetzt hier im Weltmuseum.

China wurde negativ angesehen, gerade als Japan sich aufschwang und so mancher europäische Künstler in eine regelrechte Japanomanie verfiel. (Und gerade, wo ich dies hier schreibe, zeigt das Bank Austria Kunstforum eine Ausstellung zu eben jener Faszination Japan.)

Japan schwang sich empor zu einer Position als geradezu westliche (industrialisierte, durch-und-durch modernisierte, von europäisch-amerikanischen Institutionen stark beeinflusste) und zugleich eindeutig andere, exotische Macht und Kultur. Eine Position, die es immer noch inne hat..

Weltmuseum Wien Japan Kimono

Passenderweise betrachtete eine kleine Gruppe Leute gerade die japanischen Objekte, als ich das Weltmuseum zuletzt besuchte. Und wie sich herausstellten sollte, war das junge Mädchen unter ihnen kurz vor einem Schuljahr in Japan…

Heutzutage ist es so leicht, in ein solches Land zu reisen, überhaupt umherzureisen – und oft genug lernen und wissen wir doch nicht besonders viel.

Selbst wenn es um Weltkulturerbe-Tempel in einem Kyoto, das an Übertourismus leidet, geht, werden nur die Instagram-Superstars unter den Tempeln (zu) viel besucht. Viele Tempel bleiben vergleichsweise leer. Die nächste Strasse hinunter, über eine andere, und plötzlich ist kaum mehr ein Tourist zu sehen.

Souvenirs einer Weltreise

Geht man von den China- und Japanobjekten weiter in den nächsten Saal, kann man wirklich gut ins Nachdenken über das Reisen zum Exotischen-Anderen, gerade in Ostasien, kommen.

Dort nämlich findet man eine Auswahl an Objekten (darunter auch solche aus China und Japan), die Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este 1892-93 auf Weltreise sammelte.

Wie anders das Reisen und die Erfahrung des “Anderen” doch gewesen sein muss, als er auf dieser Reise war. Hin zu Orten, mit denen man ausser durch einige wenige Gesandte, Reiseberichte und das eine oder andere Kunst- und Handwerksstück keinerlei Bezug hatte und haben konnte.
Reisen musste man damals natürlich über Land und grossteils per Schiff.

Und wie bezeichnend es doch ist, dass er so viele und so durcheinandergewürfelte Objekte von dieser Reise mitbrachte…

Und mehr…

Diese drei Räume sind logischerweise, in Anbetracht meines Ostasienschwerpunkts, meine liebsten, aber es lässt sich noch mehr entdecken.

Wie Menschen im Himalaya heute so leben.

Wo indianische Traditionen (und Leben) und die modernen USA sich überschneiden.

Wie Österreich zu einem wichtigen Ort für Ozeanien-Studien wurde und an einen guten Teil der Südsee-Sammlung von Kapitän James Cook gelangte.

Wie und wohin im Nahen Osten es frühe österreichische Orientalisten zog…

Nur ein Museum, aber Mikroexploration…

Auch das Weltmuseum ist schliesslich und endlich nur ein weiteres Museum. Und nicht gerade das angesehenste in Wien.

Und es hat so viel für unsere Interaktion mit der weiten Welt zu sagen, historisch wie auch für die heutige Zeit von Instagram-Travel Influencern und YouTube Reisevloggern… wenn man sich denn damit auseinander setzt.

Eine Beschäftigung mit den Themen, die hier aufgeworfen werden, ist es absolut wert. Schon alleine, um ein Gleichgewicht aufzubauen zwischen eigener “Exploration” da draussen und dem Weiterlernen und Denken – wie ich es gerne als Mikroexploration fördern möchte.

Manche Themen werden einen kalt lassen.

Andere aber animieren hoffentlich zu näherer Beschäftigung, zu etwas weiterem Lernen, zur Reflexion über den Beitrag eigener (Nicht-)Reisen zur Interaktion zwischen Kulturen.

Mehr Informationen natürlich auch auf der Website des Weltmuseum Wien