Wenn es schon eine Mondfinsternis, einen “Blutmond”, gibt (noch dazu eine der längsten des Jahrhunderts), geht man dann wenigstens hinaus, sie zu sehen?

Kann man mit so etwas einfachem ein (Mikro)Abenteuer, eine Chance auf eine Mikroexploration, haben, in einer Landschaft, die man mehr als nur gewöhnt ist?

Warum denn überhaupt?

Wir sind weit gekommen, seit den Zeiten, da man solche astronomischen Ereignisse für Wundertaten hielt – und als schreckliche Omen.

(Wobei, apokalyptische Vorhersagen gab es auch für diesen “Blutmond” – amüsanterweise besonders aus den USA, wo er gar nicht sichtbar war.)

Mit immer mehr “Lichtverschmutzung”, mehr Aufregung die einfach nur den Griff zum Smartphone entfernt ist, haben solche Ereignisse auch viel von ihrer Wirkung eingebüsst.

Pre-Lunar Eclipse Clouds at Sunset

Gleichzeitig aber entfalten solche Ereignisse, wenn wir uns nur auf sie einlassen, sie mit Wissen und offenem Verstand – und vielleicht, auch als Herausforderung an unsere Fähigkeiten, interessante Orte zu finden, Fotografie-Fertigkeiten zu nutzen und zu verbessern – auch einige Möglichkeiten.

Man muss sie ja nur als besondere Anlässe für etwas Mikroexploration annehmen. Und ein guter Zugang zu ihnen, wie ebenjener, macht sie auch gleich wesentlich interessanter.

Zeit… und Ort

Diese Mondfinsternis kam immerhin zu einer guten Zeit, fing sie doch (hier in Mitteleuropa), gleich um den Mondaufgang gegen 22 Uhr und dauerte bis fast Mitternacht.

Die letzte Mondfinsternis, die ich beobachten wollte, hatte erst um 3 Uhr früh begonnen.

Ich war in die Berge gegangen, um einen interessanteren Blick darauf zu erhalten… und prompt waren, genau als es mit ihr losging, Wolken aufgezogen.

Diesmal, wo mein Knie nicht ideal mitspielt und der Mond eher nahe am Horizont steht, konnte ich mich lange nicht entscheiden.

Es als Anlass zu nehmen, in die Berge zu fahren, war verlockend, aber die Chancen, nur Wolken zu sehen und Druck auf mein Knie zu machen, den ich ihm besser ersparen sollte, waren doch gross.

Schlussendlich beschloss ich, etwas zu tun, woran ich gar nicht gedacht hätte, würde ich nicht die Mikroexploration fördern wollen: Einfach das Fahrrad zu nehmen und an einen Ort in der Nähe zu fahren, der einen Ausblick über den Neusiedler See bietet.

Diese Landschaft und ihre Nachteile – Wind, Gelsen, kaum irgendwas, das ihre Monotonie durchbrechen würde – kenne ich nur zu gut. Und so übersehe ich leicht, welche schönen Seiten sie auch hat.

Die Ausblicke gehen weit, die Augen können frei umherstreichen, selbst der kleinste Hügel wird zum Abenteuer.

Technologie-Fails

Mein Rad war endlich auf Vordermann gebracht und schnurrte… nicht einmal wie ein Kätzchen. Es ist jetzt so leise – kein Knarren der Kette, kein Quietschen der Bremse – es war fast schon besorgniserregend anders als zuvor.

Ich fuhr zu einem Platz mit einem interessanten Ausblick über den See, einen Ort, einen Hügel.

Einen Aussichtsort, der ein wenig erhöht liegt – und ich fand mir dort einen Strohballen, der nach einem guten Plätzchen aussah.

So wartete ich auf die Nacht, den Mond.

Die Nacht kam, langsam.
Lichter in den Ortschaften rundum wurden eingeschaltet.
Positionslichter von Flugzeugen waren leicht zu finden.
Manche Wolken schienen noch am Himmel zu stehen, etwas unklare Sicht, aber auch Sterne wurden erkennbar.

Wo aber war der Mond?

Die Nacht zog auf, die Technologie machte Probleme.

Ich suchte mit einer Kompass-App nach der Himmelsrichtung, wo der Mond aufgehen sollte. Ost-Süd-Ost hatte es doch geheissen?

Kein Mond.

Ich lud eine Astronomie-App herunter. Der Mond sollte in dieselbe Richtung stehen, noch nahe am Horizont – hatte ich es vielleicht geschafft, dass er doch von den Bäumen in Richtung Horizont versteckt wurde?

Die Gelsen feierten wie üblich, mehr und mehr, fröhliche Urständ’. Genug, dass ich zuerst einmal meine Regenjacke anzog. Dann auch noch mein Bivy überzog und als weitere Schutzschicht nutzte.

Sie hatten mich, wie sich herausstellen sollte, schon genug wortwörtlich in den A… gestochen. Aber bitte, die Frage erst einmal, immer noch: Wo ist denn bloss der Mond?!

In der Verzweiflung versuchte ich mich an einem jener Fotos, von denen ich weiss, dass sie Sterne sichtbar machen können, die man mit freiem Auge nicht sieht… und da war noch immer kein Mond darauf zu sehen.

Ein Fahler Mond über Beleuchteter Landschaft

Ein verwirrter Blick in den Himmel. Und irgendwie, aus dem Augenwinkel…

War da nicht etwas? Eine fahle rötliche Scheibe?… Der verfinsterte Mond.

Light Sky, Blood Moon

Er hatte sich, nun, eigentlich gar nicht versteckt.

Er war natürlich einfach, wo er nun einmal war – aber die ganze technologische Zauberei hatte mir die falsche Richtung angezeigt.

Er war nur einfach etwas weiter links, mehr noch in den Osten, als ich es angenommen (und anzunehmen gehabt) hatte.

Wenn diese Mondfinsternis schon so lange dauern sollte, wo die Moskitos sich an mir satt genug gefressen hatten, da wollte ich nun aber auch wieder weiter. Alles zusammen gepackt und ab auf den Rückweg.

Der Mond über der Landschaft war nun einfach genug für mich zu finden, selbst in seinem dunklen Zustand.

Dabei ist die Landschaft hier anthropozän genug, wie gerade in der Nacht leicht erkennbar wird, wenn all die Straßen und Orte hell erleuchtet werden. Beobachtungen am Nachthimmel werden dadurch nicht gerade einfach gemacht.

Der “Blutmond” und der Mars darunter waren (jetzt) aber doch gut sichtbar. Jetzt wo ich wusste, wohin ich blicken musste.

Oft genug war das noch einmal ein Anlass, zu halten und weitere Fotos zu machen, mit Astrofotografie zu spielen, nach Motiven zu suchen, die interessanter wären.

Zu erkunden, erinnern, entdecken

Es war alles doch bloß am Weg nach Hause, ins eigene Bett, in einer Landschaft in der ich schon die längste Zeit meines Lebens verbracht habe.

Hier gibt es also nichts mehr zu erkunden, zu entdecken?

Nicht ganz.

Nachdem ich erst vor kurzem unterrichtet hatte, wie eine Mondfinsternis funktioniert, war es umso interessanter, eine ebensolche zu sehen und noch einmal für sich zu erklären.

Bei meiner Beschäftigung mit Sprache(n) war es zudem amüsant, in dem Zusammenhang daran zu denken, wie konservativ doch Sprache ist.

Wir wissen schon lange genug, dass die Sonne und der Mond eigentlich nicht auf- und untergehen, sondern vielmehr wir auf und von der Erde zu ihnen hin und von ihnen weg gedreht werden.

Aber wir bleiben doch dabei, anders herum davon zu sprechen.

Diese Landschaft bei Nacht, noch dazu mit einem so speziellen Phänomen, gesehen zu haben, das hat auch wieder andere Eindrücke hinterlassen. Gerade, wo ich diese Landschaft so gut kenne – aber eben nicht bei Nacht, während einer Mondfinsternis.

(Und mit Stirnlampe am Fahrrad unterwegs genau so wenig.)

Es gibt noch viel zu erfahren, entdecken, erkunden. Jedenfalls für uns als Individuen selbst, unmittelbar.

Und während die Gelsenstiche wieder verschwinden, bleibt das Erlebnis und wächst das Wissen.

Blood Moon, Cross, Bike