Wien ist der perfekte Ort, um über europäische Geschichte nachzudenken – und ein seltsamer Ort der Geschichte, insbesondere wenn es um die Kaiserliche Schatzkammer geht.

In Ländern, die ganz Imperien umfassten, verbleiben Zeichen des früheren Glanzes.

Königliche Paläste und Staatsgebäude, die zu Sehenswürdigkeiten wurden und in die Stadtlandschaft verschwinden; Kronen und andere Reichsinsignien, die ungewöhnlich genug sind, um immer noch von anderen Zeiten zu sprechen.

Wien

Wien ist ein ungewöhnlicher Ort dafür.

Als frühere Reichshauptstadt des Imperiums der Habsburger ist die Stadt ein Kronjuwel an Kunst und Architektur (und mehr). Zugleich ist sie eine der lebenswertesten Städte der Welt weil sie eine vergleichsweise kleine Stadt war und ist.

Viele der bekanntesten Sehenswürdigkeiten liegen in Gehdistanz voneinander; viele der speziellen Kollektionen und damit ihrer Konnektionen, ihrer Verbindungen in die Welt und zur Geschichte, sind etwas versteckt.

Die Kaiserliche Schatzkammer

Ein guter Fall ist eben die Kaiserliche Schatzkammer in der Neuen Hofburg, am Rand der Innenstadt (des 1. Bezirks).

Die Schatzkammer beinhaltet einige der Kronen und Reichsinsignien einiger der bedeutendsten Königreiche der europäischen Geschichte, einige der Schätze der Habsburger – aber wer im Alltagsleben durch die Stadt eilt, bekommt davon nichts mit. (Als Fast-Wiener erging es mir jahrelang so.)

Eingang zur Kaiserlichen Schatzkammer

Der Eingang zur Schatzkammer liegt in einem kleinen Seitenhof des weitläufigen Hofburg-Komplexes (und man müsste bedenken, dass eigentlich noch ein weiterer Flügel hatte gebaut werden sollen). Es fühlt sich so an, als hätte er hier, unter der Kaiserlichen Hofkapelle, versteckt sein sollen.

Hinein geht es eine Rampe hinunter, vorbei am Kartenschalter und durch den Museumsladen, hinauf eine kurze und helle Stiege und in das gedämpfte Licht der Sammlung. Umso heller strahlen nicht nur die tatsächlichen Jowelen, sondern auch die zahlreichen herrschaftlichen Mäntel und Wappenröcke.

Kaiserliche Schatzkammer; Detail einer Stickerei

Schätze und Verbindungen

Wie bei den meisten Kollektionen kann man auch diese Objekte als ganz verschiedene Dinge auffassen… Kunstobjekte, Beispiele grossartiger Handwerkskunst, Symbole der (vergangenen) Macht und Grösse. Dinge jedenfalls, die verbinden.

Geschichte

Verbinden mit Geschichte, zum Beispiel: Die weltliche Sammlung beinhaltet die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches.

Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches

Selbsterklärt zum Nachfolger des römischen Reichs, wenn auch strikt christlich und nicht um das Mittelmeer reichend sondern durch deutsche Lande zur Nordsee, hat es einige Grundlagen des modernen Europa gelegt.

… und andere Geschichte

Sie verbinden auch mit einer anderen Art von Geschichte, von der man oft in Populärkultur hört: Zwei der wesentlichen Schätze sind ein Narwalzahn, den man für das Horn eines Einhorns gehalten hätte und eine Agateschale aus Byzanz (die, wie ich erst nach meinem Besuch herausfand, für den Heiligen Gral gehalten worden war.

Das Einhorn-Horn der Habsburger

Und dann wären da noch die Heilige Lanze, die man oft in B-movie und ähnlicher Unterhaltung zu sehen bekommt. Und ein Kreuz das einen Holzteil des angeblichen heiligen Kreuzes enthält…

Die Heilige Lanze (und andere religiöse Objekte) der Habsburger

Wie gesagt, es war eben alles streng christlich.

Und so verbinden die Objekte auch mit der Religionsgeschichte in Europa – und dabei waren das noch gar keine Objekte aus der ekklesiastischen Sammlung. Essentiell waren jene Objekte jedenfalls, wurde die weltliche Herrschaft doch als gottgegeben angesehen.

Geographie

Verbindungen über die Geographie hinweg sind auch von potentiellem Interesse und eindeutiger Relevanz: Die Objekte des Heiligen Römischen Reiches etwa kamen aus Aachen und Nürnberg nach Wien (um vor den Heeren Napoleons geschützt zu sein).

Das Heilige Römische Reich erstreckte sich Nord-Süd von Italien über österreichische Lande und Deutschland; das spätere Österreich-Ungarn hingegen war – so gerne wir in Österreich meinen, der Mittelpunkt Europas, ganz klar ein Teil des Westens, zu sein – eigentlich eines der osteuropäischen Reiche.

Solche Verbindungen entlang zu denken – mehr zu sehen, mehr zu lernen – anstatt bloss an den Juwelen früherer herrschaftlichen Schätze vorbei zu spazieren, das jedenfalls kann ich nur empfehlen, als Weg, sich in dieser Welt heimisch zu machen…

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