Beim Winter-Lauf: 24 Stunden Burgenland Extrem Anders

Die 24 Stunden Burgenland Extrem sind, von ihrem Anfang, ein vergnügliches Extrem gewesen.

Gehen, laufen, kriechen – was immer man tun muss – um mitten im Winter um den Neusiedler See zu kommen, ist definitiv ein wenig verrückt.

Warum? Live, Love, Move – und mehr?

Ziel ist es aber einfach, Leute hinaus und in Bewegung zu bekommen, so schnell und so weit, wie sie kommen wollen und können.

Selbst wenn die Erfahrung der Schwerpunkt ist, es offiziell keine Zeitnehmung gibt – so eine Veranstaltung zieht so manchen kompetitiven Läufer an.

Es überwiegt schon das Teilnehmerfeld derjenigen, die diese kleine Verrücktheit einfach einmal versuchen wollen (und das macht es alles umso schöner), aber ein gewisses Wettbewerbsdenken ist schon auch da.

Ob man nun Läufer/’Wettbewerber’ ist oder nicht, die Psychologie rund um diese Tour ist wohl ihre grösste Besonderheit.

Für mich war sie es diesmal auf jeden Fall – und dabei war ich schon oft genug dabei…

Mir gefällt das Event schliesslich ganz besonders, weil es praktisch vor meiner Haustür stattfindet.

Und so hatte ich beschlossen, die Dinge dieses Jahr etwas anders anzugehen als sonst und wirklich an meiner Haustür zu starten, zur Startlinie und Startzeit zu laufen und dann mit den anderen gemeinsam weiter zu machen um meine persönliche Runde fertig zu machen.

Ein Einsamer Start

Normalerweise trägt bei einem solchen Lauf schon alleine, zumindest am Anfang, das übrige Teilnehmerfeld voran. Man startet mit hunderten anderen und wird mit ihnen vorangetragen.

Noch dazu wenn man, wie ich es normalerweise mache, mit viel Vergnügen und darum auch zu schnell losläuft.

Nachdem ich diesmal aber zu Hause begonnen hatte und schon zum Start gelaufen war, war es diesmal alles etwas anders.

Ich versuchte, schön entspannt zu bleiben, mich geistig schon einmal auf den Schlafmangel, den diese Aktivität mit sich bringen würde, einzustellen, noch ein paar notwendige Erledigungen im Haushalt fertig zu bekommen damit diese meiner Frau erspart blieben. Ich organisierte meine Ausrüstung… und beschloss dann, dass es an der Zeit war, gab meiner Frau einen Gute Nacht-Kuss und machte mich auf den Weg in die Dunkelheit.

Zuerst entlang meiner üblichen Laufroute, dann weiter auf einem Radweg, den ich schon länger hatte erkunden wollen, lief ich in die mondbeschienene Landschaft hinein, bis Wolken den Mond verdeckten.
Dort wurde der Weg dann einer, auf dem ich noch nie zuvor gewesen war, parallel zum eigentlichen Weg der Veranstaltung.

Weiter und weiter durch die Nacht zu laufen ist eine ganz schön seltsame Erfahrung – und irgendwie seltsam ansprechend.

Im Gedanken an gesundheitliche Effekte ist das nicht gerade empfehlenswert, man sollte doch lieber seinen Schlaf bekommen, aber in seiner Seltsamkeit ist das doch immer wieder faszinierend. Kilometer um Kilometer zurückzulegen, während andere sich gerade mal in ihre Betten begeben…

In tiefster Nacht wurde der Pfad wirklich seltsam.

Abseits von Dörfern, nur manchmal an ihrem Rand entlang, der Mond längst hinter Wolken versteckt, fühlte es sich so an, als sollte es stockdunkel sein.
Tatsächlich aber war da genug Licht, um den Weg ohne eine Stirnlampe sehr gut sehen zu können. Und sogar viel von der Landschaft rundum. Alles aber in einem diffusen Licht, das von überall und nirgendwo zu kommen schien. Es wäre, so ging mir durch den Kopf, die passende Stimmung für einen Science Fiction-Film gewesen, bei dem plötzlich Alien-Raumschiffe durch diese Wolken stossen.

Wirklich kam ich nur von meiner alternativen Strecke auf den eigentlichen Weg.

Einige der Radfahrer, die sich auf ihren drei Runden um den See befanden, kamen an mir vorbei; ein Paar war auch auf Wanderschaft zum Start wie ich, in ihrem Fall von Neusiedl her.

Und der Weg ging weiter.

Ausnahmsweise einmal nicht müde auf diesem Teil des Wegs, der sonst das letzte Teilstück zurück zum Ziel darstellt, unterwegs zu sein fühlte sich auch etwas anders an als sonst, wo ich dort schon mächtig müde gewesen war.

Diesmal aber war ich ja nur hier, um zum Start zu kommen – den ich dann auch, eineinhalb Stunden zu früh, erreichte.

Nun also die Starternummer und das Startsackerl abgeholt, etwas mit Freunden und Bekannten gesprochen, ein leichtes Frühstück gehabt und etwas ausgeruht – das waren die einzigen Sorgen. Und die Aktivitätsaufzeichnung auf den mitgebrachten Uhren zu pausieren.

Zurück an den Start, Nach der Masse

Damit wartete ich auf den wirklichen Start der Tour… und war ausnahmsweise einmal nicht ganz vorne im Pulk der Läufer dabei. Ganz anders als je zuvor sah ich diesen beim Aufbruch zu, ging noch einmal zurück zur Toilette und dann erst los. Als so ziemlich der letzte Starter.

Die lange Schlange an Teilnehmern vor mir zu sehen war ziemlich beeindruckend; nie zuvor hatte ich diese Menge an Leuten gar so bemerken können.
Nie zuvor war ich auch fähig gewesen, auf meinem eigenen Weg, mit meinem eigenen Tempo, an so vielen Leuten vorbei zu kommen.

Die Seltsame Psychologie eines 30 km “Vorsprungs”

Mit der Tour lief es so wie immer.

Mancherorts möchte man einfach laufen (wenn man kein reiner Geher ist), also läuft man halt.
Andernorts nicht, also geht man halt.

Manchmal findet man jemanden, mit dem man etwas redet oder sich zusammentut und einen Teil des Wegs gemeinsam geht.
Dann wieder bewegt man sich in Ruhe weiter, in einer Gruppe oder alleine. Jedenfalls für sich alleine, immer und überall.

Mancherorts wieder fordert jemand einen heraus, doch ein wenig schneller sein zu wollen, vor jemandem zu bleiben oder vor jemanden zu kommen.
Dann wieder ist das Tempo völlig egal, besonders wenn man sich ohnehin daran erinnern muss, wie viel des Weges noch vor einem liegt.

Das alles geht einem immer durch den Kopf. Mir auf jeden Fall.
Diesmal aber war alles noch etwas anders, war ich doch von zu Hause losgelaufen, nicht vom Start.

24H Burgenland, Early Morning
24H Burgenland, früher Morgen, bei einer früheren Teilnahme

Normalerweise kann ich mir nur gut zureden, dass ich doch wirklich langsamer machen sollte, mich nicht um das Tempo anderer kümmern sollte – aber es ist hart, nicht in ein wenig Wettbewerbsdenken zu verfallen (auch wenn es bei dieser Veranstaltung nicht um ein Rennen geht).

Diesmal aber konnte ich mir auch noch sagen, dass ich eigentlich 30 km vor den Leuten um mich läge, schliesslich war ich ebenso weit vor dem Start schon losgelaufen.
Und dafür fühlte ich mich vergleichsweise frisch…

Das soll nicht bedeuten, dass nichts jemals begonnen hätte, weh zu tun. Ganz im Gegenteil. Und es half nicht gerade, dass ich erst das Wochenende zuvor endlich wieder einmal zu einem Kampfsporttraining gegangen war. Oder meine DJI Spark mit mir herumtrug, sollte ich sie verwenden wollen.

118 KM, In Kälte – zum Glück

Meine Umrundung endete schliesslich in Neusiedl, im Norden des Sees. Dort hatte ich dann zwar nicht ganz den Kreis geschlossen, aber doch schon mehr Distanz zurückgelegt, als dafür nötig wäre.

Hier kommt wieder einmal die zuvor schon diskutierte Psychologie ins Spiel. In der Frage, die wir auch schon für das Winterlaufen im allgemeinen diskutiert haben: Das Warum?

Warum sollte man sich jemals einer solchen Anstrengung unterziehen, fragen viele – die nicht zu den Teilnehmern gehören.

Es gibt aber so wenige Möglichkeiten, zu sehen, was man selbst leisten kann, physisch, als ein Körper.
Nur zu viel bleiben wir lieber im geschützten Inneren. Selbst wenn wir reisen geschieht das hauptsächlich in wieder einer anderen Blechbox, nicht mit dem menschlichen Mass der Schritte gemessen.

Bei all dem ist es nur umso interessanter, die Kälte zu spüren und um seine Fähigkeit, mit ihr umzugehen, zu wissen – auch wenn ich frei heraus zugeben muss, dass ich die Drohne nie hinaus nahm, weil es (mir) dafür einfach zu unangenehm war (auch wenn es dieses Jahr kaum Frost hatte). Mit all dem dann auch noch eine Distanz auf eigenen Beinen zu marschieren, die schon fast lächerlich weit ist…

Füße, Beine, selbst der Rücken – das eine oder andere… oder alles – wird anfangen, weh zu tun und das auch noch einige Zeit länger tun. Tat es auch. Und vergeht wieder.

Das Gefühl, eine erstaunliche Distanz aus eigener Kraft bewältigen zu können, das aber bleibt und stärkt.

Und was sagst du?