Auf Fastpacking-Art einen Pilgerweg zu gehen, das erschien selbst mir ein wenig seltsam.

Wenn man aber schon einmal weit reist, mit seinem letzten Geld, mit nur ein paar Tagen zur Verfügung, dann will man natürlich jede Stunde mit möglichst vielen Erfahrungen füllen.

Dann also doch.

Es kam alles, wie so oft, etwas anders als geplant, aber es stellte sich auch als passender heraus, als gedacht.

Was ist der Kumano Kodo?

Die “alten Wege von Kumano” sind ein Netzwerk an Pilgerwegen in der Provinz Wakayama auf der Kii-Halbinsel im Süden von Japans Hauptinsel, Honshu, südlich von Kyoto und Osaka. Die Wege werden schon seit über tausend Jahren begangen.

Ursprünglich den ganzen Weg von Kyoto, Japans langjähriger Hauptstadt und spirituellem Zentrum, kommend, gibt es immer noch eine Route vom wichtigen buddhistischen Zentrum von Koya-san zu den wichtigsten Schreinen des Kumano Sanzan (wörtlich der “drei Berge”, aber es sind damit eben die drei Schreine gemeint, die von grösster Bedeutung sind).

Es gäbe auch eine Route, die der Küste folgt und, schon alleine dem Ausblick nach zu schliessen, den man vom Zugfenster bei der Anfahrt bekommt, sicherlich sehr interessant wäre.

Die Hauptroute allerdings ist der Nakahechi, der mittlere Weg, der den Takijiri-Schrein mit Hongu Taisha verbindet und weiter zu Nachi Taisha (und/oder Hayatama Taisha) geht.

Um die verschiedenen Wegmöglichkeiten zu verstehen, hilft es eben zu bedenken, dass es sich um ein ganzes Netzwerk an Wegen handelt. Teile der Strecken wurden selbst in früheren Zeiten per Boot/Floss zurückgelegt; nicht alle der Schreine müssen auf einer Pilgerfahrt besucht werden.

Um offiziell als moderner Pilger am Kumano Kodo zu gelten, reicht es, die eine oder andere Teilstrecke gegangen zu sein, wie eben jenes Stück, dass ich schlussendlich als einziges zurückgelegt haben sollte, den Nakahechi von Takijiri zu Hongu Taisha.

Wandern wie ein Bergmönch

Die Wege werden üblicherweise als Mehrtagestouren bewandert, was es eben etwas seltsam machte, dass ich mir nur 1-2 Tage Zeit für den Nakahechi nehmen wollte

Beschäftigt man sich allerdings mit der Bedeutung des Kumano Kodo seit historischen Zeiten, so stellte sich das als gut passend heraus:

Der Kaiser und Adelige, die hier auf Pilgerfahrt gingen, werden wohl keine Rekorde gesetzt haben, aber der Kumano Kodo war auch eine Lehrstube der Yamabushi Bergasketen, der Anhänger des Shugendo, einer japanischen spirituellen Praxis, die aus den Bergen ihre Schule machten.

Sie sind es, die bekannt sind für Praktiken wie die Wasserfall-Meditation, bei der die Asketen unter eiskalten Wasserfällen stehen, um – nun ja – Kräfte zu erwerben. Ob nun spirituell, psychologisch oder mystisch, die Praktiken des Shugendo sollen jedenfalls ausser-gewöhnlich sein und dadurch zu besonderen Fähigkeiten führen.

Nun, um die 40 km und 2000 (2500?) Höhenmeter sind ein Marathon; ich habe schon schlimmeres getan; und wenn die Marathonmönche (auch ‘verwandt’ mit diesen Bergpraktiken) so viel mehr tun können, dann passte es wohl für mich, schnell und über Nacht unterwegs zu sein.

Der Kumano Kodo (Nakahechi, Takijiri nach Hongu Taisha) in 30 Minuten: Das Video

Der Nakahechi (Takijiri nach Hongu Taisha) in 10 Stunden

Vom Zimmer in Tokyo war ich um 5 Uhr früh hinaus, durch die morgendliche Megalopolis, zum Bahnhof Shimagawa für den Shinkansen nach Osaka, mit dem Kuroshio Lokalexpress auf die Kii-Halbinsel, in Tanabe City in den Bus, um endlich gegen 13 Uhr in Takijiri anzukommen.

Am Kumano Kodo Kan (Info-Zentrum) wechselte ich dann in mein Wandergewand und ging los.

Gedenkstein für das Welterbe Pilgerwege der Kii-Halbinsel

Gedenkstein für das Welterbe Pilgerwege der Kii-Halbinsel

Lieblicher Bergnachmittag

Gleich hinter dem Takijiri-oji Schrein, wo ich den ersten Stempel in das Pilger-Passbuch eintragen konnte, fing der Trail an, in die Höhe zu klettern, über steinerne Stufen, Wurzeln, Felsen, Herbstlaub. Gleich dort kam ich dann auch an eine Stelle, wo ich den Pfad nicht fand, genau dort, wo zumindest der falsche Weg eindeutig als “Not Kumano Kodo” markiert war.

Weiter hinauf zur Linie der Route auf meiner GPS-Uhr war es einfach genug, wieder auf den richtigen Weg zu kommen; üblicherweise war er ohnehin leicht genug zu finden.

Der Nachmittag war sonnig und angenehm und schön; perfekt für eine Wanderung.

Auf dem Kumano Kodo

Auf dem Kumano Kodo

Auf und ab ging es; Oji-Schreine und Ruinen folgten dicht aufeinander. Viel an Geschichte und Spiritualität versteckt sich in dieser scheinbaren Wildnis…

Chikatsuyu, wo viele Wanderer eine Nacht verbringen, erreichte ich in der Dämmerung, alles war immer noch gut erkennbar – und das war gut so, denn ich erreichte Chikatsuyu-oji etwas später, als ich erwartet hatte.

Eine Tempelglocke war zu hören, als ich in den Ort kam. Ich sah nie, woher dieser Klang kam, aber es war jedenfalls ein interessanter Soundtrack. Umso mehr, als dann auch noch Musik vom öffentlichen Meldesystem her erklang.

Über die Brücke, und dort war endlich Chikatsuyu-oji.

Ich hatte ihn also doch nicht verpasst.

Der Fortschritt eines Pilgers…

Nicht, dass er eindrucksvoll gewesen wäre.

All die Schreine hier sind eher weniger, als man von einer so tief spirituellen Landschaft erwarten würde; in vielen Fällen bestehen die Schreine oder Ruinen aus weniger als einem Torii und einem Schreingebäude – und zugleich ist es mehr, als das Auge sieht.

All die Orte, wo Schreine stehen oder wo es Überreste gibt und früher Schreine standen, all die Orte, an denen kami (Götter) eindeutig erinnert und umsorgt werden, sie ergeben ein Bild von Spiritualität, die gleichzeitig weniger wichtig (und sicherlich weniger augenscheinlich) ist, als man es sich erwartet hätte, aber zugleich umso mehr gelebt wird.

Nonaka, Schrein

Schrein am Strassenrand in Nonaka

Viele der Oji-Schreine allerdings liegen etwas abseits vom Hauptweg, mal einfach zur Seite, mal auf einem kleinen Umweg; so manche waren keine ganzen Schreine mehr.

Dennoch war es immer gut, in welchem Zustand auch immer sie waren, den nächsten Schrein zu finden, einen weiteren Stempel zu sammeln, wenn es einen solchen gab, und zu wissen, dass ich Fortschritt machte.

… durch die Nacht

Derartiger Fortschritt wurde umso interessanter, und als Massstab umso wichtiger, als ich am Rand von Chikatsuyu wieder in den Wald kam und bemerken musste, wie dunkel es inzwischen geworden war.

Aussichtspunkt in Nonaka

Aussichtspunkt in Nonaka

Der Rest der Pilgertour ging durch die Finsternis, mit dem wenigen Licht rundum oder im Schein meiner Stirnlampe oder Schlüsselbund-Taschenlampe, wie benötigt.

Mehr von diesem Weg verlief auf Strassen, durch Dörfer und mit dem Gedanken, was dortige Bewohner sich wohl denken würden, sollten sie meine schemenhafte Gestalt vorbei gehen sehen.
(Tatsächlich bemerkte ein Mann mich, weil er vor seinem Haus stand. Das war an einer etwas seltsamen Abzweigung am Weg, und so zeigte er mir bloss den richtigen Weg ;) )

An Schreinen und Ruinen vorbei zu gehen, an den Überresten einer Siedlung, an einem Friedhof, über Pfade entlang Flüssen und Passagen über diese, alles in der Dunkelheit, das verlieh dem Weg hier wieder ein ganz anderes Gefühl.

Wegmarkierungen bei Nakanogawa-oji

Wegmarkierungen bei Nakanogawa-oji

Hinunter vom Waraji-toge Pass

Hinunter vom Waraji-toge Pass

Yukawa-oji

Yukawa-oji

Die Dunkelheit umfängt einen, versteckt den Weg, lässt solche Orte plötzlich auftauchen – und sie kann auch umschmeicheln, verbergen, nichts als den Weg erkennbar und dafür jeden Schritt zu einem klaren Fortschritt am Weg machen.

Der Shugendo-Ansatz zum Bergerleben – durch Anstrengung und ‘Magie’ – wurde nur noch passender, als auf dem Umweg, den der Weg nimmt, seit der Berghang bei Iwogami-oji unsicher wurde, auch noch etwas Regen einsetzte.

Nieseln begleitete mich den ganzen weiteren Weg bis zu einem Platz bei kleinen Wasserfällen, wo ich beschloss, mich für die Nacht in meinem Biwak niederzulassen. Es war seltsamer, nasser, typischer Waldboden, auf den ich mich legte, das Rauschen des Wassers nahebei, in Dunkelheit und Nieseln.

Durch den Regen

Am nächsten Morgen – oder was ich halt Morgen nenne, weil ich zu jener Zeit aufwachte und beschloss, weiter zu gehen – hatte das Nieseln der Nacht zuvor, die Kondensation, die ich im Biwak zu fühlen geglaubt hatte, sich zu wahrem Regen entwickelt.

Die Schlafsachen gingen also in die Rucksack-Aussentasche, weg von der sonstigen Ausrüstung; ich zog mir meine Regenjacke wieder über und war wieder am Weg.

Inohana-oji im Regen

Inohana-oji im Regen

Dunkelheit, Regen, Nebel…

Es waren interessante Bedingungen für eine Wanderung. Man würde doch wirklich gerne sehen, wo der Weg weiter geht. Mit wenig Licht gibt es aber nur Dunkelheit (oder Regentropfen oder Nebel – oder beides) rundum. Mit stärkerem Licht kann man eher noch weniger sehen, wird man doch von der Reflektion geblendet.

Der Weg wurde hier auch etwas seltsam, gab es doch Stellen, die eher weit und relativ wasserbedeckt waren. War ich doch dem GPS-Track zufolge auf der falschen Seite, den Wegmarkierungen aber auf der richtigen Seite, des Flusses, den es entlang ging.

Hosshinmon-oji

Hosshinmon-oji

Hosshinmon-oji kam recht bald, nach etwa 50 Minuten auf dem Weg. Dann Mizunomi-oji.

Vor Mizunomi-oji in starkem Regen

Vor Mizunomi-oji in starkem Regen

Dämmerung

Nahe Fushiogami (und Fushiogami-oji) kam inmitten von Nebel und Regen der Tagesanfang. Es war schwer zu sagen, wo der Nebel begann und der Regen endete oder ob ich einfach in Regenwolken unterwegs war. Oder war es Kondensation von den Bäumen, die hinuntertropfte?

Es war alles nicht sehr angenehm. Und mit meiner Ausrüstung ziemlich okay.

Frühmorgendlicher Ausblick bei Fushiogami

Frühmorgendlicher Ausblick bei Fushiogami

Mit der Dämmerung – auch wenn es nur wenig Licht gab, mit diesem nächsten Taifun, der herangezogen war – präsentierte sich der Weg wieder anders. Klarer zu sehen, aber immer noch mystisch in dem Nebel. Wenn es das ist, wie man es sehen will.

In diesem Licht ging ich weiter.

Morgendlicher Kumano Kodo im Nebel

Morgendlicher Kumano Kodo im Nebel

Einer der letzten Oji vor Hongu Taisha

Einer der letzten Oji vor Hongu Taisha

Torii am Eingang zu Hongu Taisha

Torii am Eingang zu Hongu Taisha

Und da war Kumano Hongu Taisha, das Ende dieses Wegs.

Kumano Hongu Taisha

Kumano Hongu Taisha

Kumano Hongu Taisha

Kumano Hongu Taisha

Ich kam dort an, als sie gerade erst für den Tag öffneten, erwies meine Ehre, stempelte das Passbuch mit dem Stempel, der die erfolgreiche Bewältigung der Kumano Kodo-Pilgerfahrt repräsentierte.

Und dann wunderte ich mich. Sollte ich weitergehen?

Ich hatte das immer noch vor, hatte eine kleine Online-Konversation mit meiner Frau, auch darüber – und dann, genau als ich den nächsten Teil des Nakahechi zu Nachi Taisha angehen wollte, liess der Taifun einen Regen los, der mich in das nächste Wartehäuschen ausweichen liess.

Dort sah ich nach, wann der nächste Bus zurück nach Tanabe fahren würde, stellte fest, dass dies in 10 Minuten sein würde und beschloss damit, doch lieber gleich nach Osaka zu fahren.

Wenn ich schon nicht mit meiner spirituellen Pilgerschaft weiter machen konnte, dann konnte ich zumindest mit meinem Weg  “Auf der Spur von Würze in Japan” weitermachen. Der Pilgerweg hatte so auch schon genug interessante Eindrücke hinterlassen, schon mit diesem Teil desselben.

Details zum Weg (GPS, Wegbeschreibung) gibt es auf meinem neuen Blog Uhren und Touren, hier.