Haikou Sunrise

#GetAtHome in China 6 – Haikou, Hainan, wie ein Chinese auf Urlaub, suchend nach China-Verständnis

Tourismus ist eine Boomindustrie, aber was das sich-zuhause-machen (eben mein #GetAtHome) angeht, so ist es eine seltsame Sache:

Touristische Trips, schnell überall hin, wo man doch gewesen sein muss, können nur oberflächlich sein.
Zuhause zu bleiben ist aber auch keine Lösung, wenn es nicht gerade zu einem grösseren Engagement mit der Welt führt.

Dazwischen liegt etwa die Idee, wohin zu reisen um dort wie ein Einheimischer zu leben oder das Dort zumindest wie ein Einheimischer zu erleben.

Wie ist es in China so, für einen Chinesen, auf Urlaub und doch nicht so ganz?

Wir haben Verwandtschaft in Haikou, die Schwiegereltern haben dort vor nicht zu langer Zeit eine Wohnung gekauft, und so war unsere Woche auf Hainan sehr “Leben wie ein Einheimischer”.

So zu leben (und dabei nicht ständig in die Arbeit zu müssen) ist allerdings eine reichlich seltsame Erfahrung.

Viel davon umfasst, gelinde gesagt, nicht viel mehr als in der Hitze herumzulümmeln.
Sich nur für Frühstück, Mittagessen und Abendessen bewegen zu wollen.
Fast schon zu viel von den tropischen Früchten zu essen, die man auf Hainan so gut bekommen kann.
Praktisch nur mit dem Auto an andere Orte zu fahren und das fast nur, um woanders essen zu gehen, nicht um etwas zu sehen.
Für Spaziergänge vorzugsweise erst in der Nacht hinauszugehen, wenn die Hitze weniger unangenehm ist.

Haikou Nachtlandschaft
Immerhin bietet Haikou eine fantastische Nachtlandschaft

Nur auf diese Art gingen wir an den Strand…

Hainan, das Hawaii Chinas, tropisches Strandparadies

Haikou ist nicht gerade der beliebteste Ort, wenn es um den Strand geht. Das wäre Sanya am anderen (südlichen) Ende der Insel. Aber Haikou versucht, mehr Tourismus anzulocken und hätte durchaus Strände anzubieten, vor allem entlang Binhai.

Auch wir gingen dort hin.
Einmal. In der Nacht.

Der Strand an der Binhai Avenue, Haikou, Hainan
Der Strand an der Binhai Avenue, Haikou, Hainan

Man muss einfach wissen, dass die meisten Chinesen (okay, Chinesinnen) sich nicht mit einem lächerlichen “Facekini”, wie er so gerne in westlichen Medien gezeigt wird, blicken lassen würden.

Um nicht sonnengebräunt zu werden, wie es doch nur für, ähm Unterschicht-Menschen typisch wäre, geht man darum erst in der Nacht auf einen Spaziergang am Strand.
Man kann immer noch den Sand zwischen den Zehen geniessen, die Wellen, die gegen seine Beine plätschern, die angenehm frische Seeluft…

Man kann auch Ratten sehen, die über die Wege laufen und nach Resten suchen, die von den Besuchern am Tag übrig geblieben sind, aber lenken wir unsere Aufmerksamkeit vielleicht auf anderes.

Haikou Stadtpark
Haikou Stadtpark (an einem eher langweiligen Teil)

Es gibt auch eine Promenade und einen Park näher in der Stadt, die wir eine andere Nacht besuchten.
Das Gesinge und Getanze auf der Bühne wurde selbst der chinesischen Verwandtschaft schnell zu viel. Es schien nicht einmal für die Tänzer- und Singerinnen so aufregend, sieht man das Texten, das backstage ablief…

Backstage bei einer Show in einem Park in Haikou
Backstage bei einer Show in einem Park in Haikou

Die Situation war aber wieder einmal eine gute, um darüber nachzudenken.

Spaziergänger, Jogger, Nutzer der in China so beliebten “Erwachsenen-Spielplätze” zur köperlichen Ertüchtigung… eine ziemliche Mischung aus traditionellen chinesischen Sorgen und Zeitvertreiben und moderneren, vielleicht sogar ‘westlichen’ Praktiken und Ideen war hier zu sehen.

All das dann auch noch vor der Kulisse einer Skyline, die scheinbar gerne mit Hong Kong oder Shanghai mithalten würde. So kam es uns jedenfalls vor.

Hainan, das Ende der Welt, das Schlemmerland

Wo ich Essen schon erwähnt hatte: Essen ist natürlich ein wesentliches Thema, schliesslich ist auch Hainan ein Teil von China.

Auf Hainan ist die Sache aber besonders interessant, gibt es doch einige Unterschiede zu vielen anderen Teilen des Landes.

Natürlich spielen zum einen, dank der Lage von Hainan, Meeresfrüchte und -fische eine wesentlich grössere Rolle als sonst oft. Selbst die Nudelsuppe zum Frühstück, die in Hunan auf Schwein und Chilli basieren würde, hat hier Meeresfrüchte als Grundlage.

Inzwischen gibt es einen ganzen Vergnügungspark (bzw. ein Areal, das so aussieht und von einem Vergnügungspark begleitet ist) am Rande von Haikou, der der neue “In”-Platz ist, um Meeresfrüchte zu essen.

Tausende Menschen, so scheint es jedenfalls, strömen hierhin um sich aus den Fischtanks geben zu lassen, was dann sogleich in den angrenzenden Restaurantbereichen zubereitet und an den Tisch gebracht wird: Fisch, Muscheln, Krabben, Shrimps, dazu noch etwas Gemüse, und von allem gibt es eine kaum überschaubare Vielfalt.

Haikou Meeresfrüchte-Park: Hier auswählen
Haikou Meeresfrüchte-Park: Hier auswählen…
Haikou Meeresfrüchte-Park: Da essen
… da essen

Haikou präsentiert sich selbst als die Stadt der Kokosnüsse, und auch diese sind weithin zu finden.

Grüne Kokosnüsse kann man hier so leicht bekommen wie kaum irgendwo; frisch ein Loch hineingeschlagen, Strohhalm hinein, getrunken. So schmeckt Kokoswasser.
Umso mehr, wo es hier ein lokaler und üblicher Teil der Essensszene ist, nicht ein neuer und teurer Trend von zweifelhafter Qualität, wie er sich in Europa gerade entwickelt.

Weniger sicher aber bin ich mir bei anderen typischen Speisen, gerade auch mit Kokosnuss.

Es gibt zum Beispiel eine Hühnersuppe, bei der das Huhn in Kokoswasser und Kokosnuss-Fruchtfleisch gekocht wird. Süss und fleischig und das Ganze auch noch mit (schleimig gekochter) Kokosnuss? Nicht gerade meins. Aber gut, ich mag auch den vielgepriesenen Hainan Chicken Rice, der (wie auch immer) zum Nationalgericht von Singapur wurde, nicht.

Hainan Kokosnuss-Hühnersuppe
Hainan Kokosnuss-Hühnersuppe

Interessanter finde ich Hainan wieder, wenn es um das Chilli geht. Hier wurde nämlich, irgendwie, Habanero importiert und eine daraus gemachte Sauce zum typischen Hainan-Produkt erhoben. Und man findet sie auch in Lokalen, die nicht unbedingt komplett touristisch erscheinen.

Hainan Denglong Lajiao Jiang (Habanero-Chilisauce)
Hainan Denglong Lajiao Jiang (Habanero-Chilisauce)

Wir jedenfalls fanden sie als die normale Chillisauce in jenem Lokal, nahe dem Vulkan-Geopark, wo wir die Kokosnuss-Hühnersuppe hatten.
Und wir gingen noch dazu ein Tabasco-ähnliches Chilli pflücken, das sie dort auch hatten, neben vielen tropischen Fruchtbäumen.

Hainan ist auch, mit ein wenig Import von Nachbarländern, das chinesische Paradies tropischer Früchte.

Mango, Litchi, Longyan, Sternfrucht, Jackfruit und eine Vielzahl anderer Früchte wird hier angebaut; was nicht selbst angebaut wird oder in Saison ist, das wird frisch importiert.
Durian etwa sind hier auch sehr beliebt.

Für einen Freund solcher Früchte ist es fantastisch. Mit einem Problem: Danach weiss man so gut, wie solche Früchte schmecken, wenn sie wirklich frisch sind. Zurück im ‘Westen’ will man sie dann nicht mehr; sie sehen vielleicht okay aus, aber sie sind teuer und für den Transport so unreif geerntet, dass sie niemals so gut schmecken.

Wir feiern diese Schätze jetzt, aber Hainan war der Ort, an den man in Ungnade gefallene Beamte ins Exil schickte…

Helden von Hainan

… und so kommt man nicht umhin, ein wenig darauf einzugehen, wie Hainan verzweifelt versucht, gut in die chinesische Geschichte zu passen.

Über Su Dongpo (Su Shi) und sein interessantes Leben (nicht zuletzt auf Hainan) habe ich schon einmal kurz geschrieben; seiner (und anderer) Gedenkstätte in Haikou habe ich auch diesmal wieder einen Besuch abgestattet.
Diese Gedenkstätte ist der Tempel der Fünf Beamten (Wugong Ci, Five Official’s Temple), in welchem eben jener historischen Figuren gedacht wird, weil sie in der Entwicklung auf Hainan, welches das antike China schliesslich als das Ende der Welt und dementsprechend unzivilisiert ansah, eine grosse Rolle gespielt hatten.

Mit dem und der Gedenkstätte für Hairui, einen (weiteren) loyalen und nicht-korrupten Beamten aus Hainan selbst, gab es sogar etwas einigermassen touristisches, was ich gesehen habe und zeigen kann:

Tourismus im modernen China-Stil

Noch mehr typisch-einheimisch-touristisch ging es auch kurz hinaus aus Haikou. Auf interessante Art, denn unsere Verwandten mit etwas besseren Jobs und Einkommen luden uns auch dieses Jahr wieder in ein Hilton-Hotel ein.

Oder eigentlich ein Doubletree Resort by Hilton, diesmal. Und zwar in Chengmai, westlich von Haikou.

Landschaft um Chengmai, Hainan
Landschaft um Chengmai, Hainan (übrigens mit einer DJI Spark aufgenommen)

Der Onkel wollte dorthin, um wieder einmal eine Runde Golf zu spielen; der Regen liess das aber eher weniger zu. (Über Golf in China kann man ganze Bücher schreiben…) Er und das Tantchen fahren manchmal auch einfach gerne hinaus aufs Lande… in ein Hotel.

Die Entwicklung hier in Chengmai war wieder einmal ein weiteres wunderbares Beispiel für den typisch verrückten Mix im modernen China: Viel davon ist ziemlich modern, bis dahin, dass vieles als “ökologisch” vermarktet wird und moderne Einrichtungen mit Sorge um Gesundheit, Natur und Technologie verbinden will.

Wie übich bei solchem Fortschritt ist der Entwicklung-Teil leicht zu finden. Viel schwieriger ist es beim “Natur-/Ökologie”-Teil. Hätte ich keine Landkarte auf meiner Uhr sehen können, ich hätte nicht gedacht, dass der Mangrovenwald bei dem Gelände tatsächlich etwas mit der Küste zu tun hatte statt künstlich war.

Vogelwarnung auf Laufroute in Chengmai
Wie “öko” ist man denn, wenn man vor Vögeln warnen muss?

Das meiste an Natur rundum war auch nicht gerade intakt, sondern maximal Überbleibsel früherer Landwirtschaft und Landschaft. Gut, Bäume gab es noch (oder wieder) genug, aber die in eine Art Mini-Zoo importierten Flamingos sind doch ein sehr modern-künstlicher Ansatz zur Naturerfahrung, der nur vom Wunsch nach einer weiteren Disney-ifizierten Attraktion für Touristen zeugt.

Aber so ist es nicht nur in China, sondern vielerorts.

Chengmai, Hainan, bei Sonnenaufgang
Wenigstens bietet diese Kombination fantastische Fotomotive

 

Der Mix von Natur und menschlicher Besiedlung beschäftigt mich jedenfalls auch in der Faszination des nächsten (und letzten) Ortes, an den wir gefahren sind, und wo mich das Thema ganz besonders fasziniert: Hong Kong.

Und was sagen Sie?