#GetAtHome in China 4: Tief im ländlichen Hunan – Unbekannt Bedeutende Tempel

Eine Verbindung zu Japan hätte ich im ländlichen Hunan kaum erwartet, aber da war sie…

Im östlichen Teil der offiziellen Landschaftsschönheit des Jiuxian-Sees, ungefähr so tief im ländlichen China wie man überhaupt gehen kann, ohne eine Zeitmaschine zur Verfügung zu haben, da stehen zwei buddhistische Tempel.

Einer derselben, der Baoning Si (宝宁寺), teilt sich den Namen mit anderen, besser bekannten Tempeln, aber er ist immerhin auf TripAdvisor zu finden. Mit seiner Adresse und sonst absolut nichts, kein Foto, kein Review.

Dabei war der Baoning Si in der Geschichte jener buddhistischen Schule, die wir am besten unter ihrem japanischen Namen Zen kennen, offenbar ziemlich wichtig.

Der andere der zwei Tempel, der Qinglong Si, ist neu und dementsprechend kitschig, aber noch aktiver als Ort der Andacht und spirituellen Praxis.
Und er birgt Überraschungen, nicht nur in seiner blossen Existenz als neuer Bau so nahe an älteren (was schon für sich einiges über das Wiedererwachen der Spiritualität in China aussagt).

Zurück ist die Spiritualität dort wohl jedenfalls.
Mit wahrlich typischen chinesischen Charakteristika.

Der Baoning Si (宝宁寺) von Youxian, Hunan

“Hier einbiegen… Nein, nicht hier, dort!”

Wir waren eigentlich nur mit dem Moped unterwegs gewesen, meine Frau, ihr Vater und ich, auf der Strasse entlang des Jiuxiang-Sees zu seinem nordöstlichen Ende. So war jedenfalls der Plan.

Der (Stau)See von Jiuxian
Der (Stau)See von Jiuxian

An einem der zahlreichen Anstiege hatte das Moped dann allerdings endgültig zu stottern begonnen und war liegen geblieben. Etwas Wartezeit und einen Anruf zu einem Lehrerkollegen später ging es dann in dessen Auto weiter.

Die enge Zufahrtsstrasse, in die wir eingebogen waren, hinaufgeholpert, an einer typisch Buddhistisch-ockerroten Mauer entlang, kamen wir schliesslich direkt zu einem kleinen Platz vor der Haupthalle des Baoning-Tempels an, den ‘Teich’ des Tempels mit den Steinwegen und Steinen direkt über das Wasser zu unserer anderen Seite.

Der Baoningsi von etwas weiter weg
Der Baoningsi von etwas weiter weg

Wie sich herausstellen sollte, hatten wir so den eigentlichen Eingang – und die Kasse dort – umgangen…

Steht man dann vor den Tempelgebäuden, liegt rechterhand ein weiterer, wesentlich neuer aussehender, Tempelkomplex. Den sahen wir uns auch schnell an; er scheint aber wirklich neu und eher taoistisch zu sein.

Ein Pfad würde von dort aus den Hügel hinter dem Tempel hinaufgehen, vorbei an steinernen Türmchen, die wohl Grabstätten sind.

Der zweite Teil (oder zweite Tempel?) im Baoningsi
Der zweite Teil (oder zweite Tempel?) im Baoningsi

Ob für die Lebenden oder die Toten, dieser (Teil des) Tempels wirkte wie ausgestorben.

Japaner? In Hunan?

Vielleicht wäre es dieser Pfad hinauf gewesen, auf dem man zu dem Bauwerk kommen könnte, dass angeblich von japanischen Anhängern einer buddhistischen Schule beauftragt worden war, die ihre Wurzeln im Baoning Si hat, aber die Geschichte lief ein klein wenig so, wie sie angeblich für jene Leute gelaufen war:

Das erste Mal, als diese japanische Delegation versuchte, hierher zu kommen, da soll ihnen niemand geglaubt haben, dass ihre Geschichte überhaupt stimmt.

Japaner sind in China ohnehin nicht gerade beliebt (seit dem 2.Weltkrieg) und so – vielleicht auch mit ein paar Geschichtchen, die man ihnen aufband – sollen sie das Geld in Liling oder einer anderen mehr oder minder nahe gelegenen Stadt ‘investiert’ haben.

Der Weg nach oben zwischen den zwei Tempel(teile)n
Der Weg nach oben zwischen den zwei Tempel(teile)n

Schlussendlich allerdings, so hiess es jedenfalls, wurde von ihnen ein Bauwerk hier beim Baoning Si errichtet, irgendwo den Berg hinauf. Niemand allerdings schien so genau zu wissen, wo, und aus Rücksicht auf den Lehrerkollegen, der sich so plötzlich Zeit aus seinem Tag nahm, gingen wir nicht einfach auf die Suche danach.

Kein Tempel für Touristen (jedenfalls nicht so)

Wir gingen allerdings in den Baoning Si selbst.

Hinein gingen wir wie die Touristen, mit Respekt für den Glauben und seine Tradition, aber doch, um zu schauen. Prompt erhob eine Aufpasserin für den Tempel ihre Stimme und meinte lauthals:

“Man geht nicht zu einem Tanz, nur um zu gaffen! Das ist ein Tempel, also steht hier nicht blöd herum, Betet!”

Jawohl.

Wir gaben also eine Spende, sie gab uns etwas Räucherwerk, und sogleich ging es an die rituellen Verbeugungen, das Darreichen von Räucherwerk, alles begleitet vom Takt des hölzernen Fisches.

Die Haupthalle des Baoning Si
Die Haupthalle des Baoning Si

Meine Frau und ich, wir haben uns übrigens noch immer nicht so ganz entschieden, ob wir uns als Buddhisten bezeichnen würden. Aber, das gute an Religion in China: Man muss sich nicht als irgendwas bezeichnen.

Man kann nehmen, was es gibt, machen, was man für sinnvoll erachtet oder was zu helfen scheint. Wenn es nichts nützt, dann lässt man es auch sein. Hier gibt es kaum eifersüchtiges “Keinen Gott neben mir!” sondern ein Leben und Leben lassen.
(Wobei meine Wissenschafterseite schon angemerkt sehen will, dass dem nicht immer so war. Wie man auch an der Geschichte dieses Tempels ein wenig bemerken kann…)

Die (Japan-verbundene) Geschichte des Baoning Si

Der Baoning Si wurde, dem Infoschild an seinem Eingang zufolge, im Jahr 751 gegründet und war einer der ersten buddhistischen Tempel in Hunan.

Einer der wesentlichen Lehrer hier, wenn nicht der Gründer – nach manchen Quellen, nur dass sich das zeitlich nicht gut ausgeht – war Kuang Changzi (旷长髭, der von 740-830 lebte).

Caodong zu Sōtō Zen

Von Kuang Changzi spannen sich die Beziehungen zwischen buddhistischen Lehrern irgendwie zu Huineng (638-713) und jedenfalls in die Caodong-Schule des Buddhismus welche Dōgen (Daoyuan 道元) (von 1223 bis 1227 in China studierte bevor er nach Japan zurückkehrte und dort durch seine spirituelle Lehrtätigkeit begründete, was später als Sōtō Zen bekannt werden sollte.

Irgendwie habe ich es noch immer, trotz intensiver Recherchen auch in chinesischen Medien, nicht geschafft, die exakten Beziehungen nachzuvollziehen, aber es gab sie sicherlich. Schliesslich kam tatsächlich im Jahr 1983 eine japanische Delegation nach Hunan und wurde 1985 eine Changzi Kuang-Pagoda(?) nahe dem Baoning Si errichtet, um dieses Ahnherren von Sōtō Zen zu gedenken.

Diese Jahre der Tang und Song Dynastien (von 618-960 bzw. 960-1279) waren überhaupt eine Blütezeit des Baoning Si; er gehörte zu den bedeutendsten Tempeln in Südchina.

Zur Zeit der Yuan allerdings wurde der Tempel zerstört und erst etwas später wieder aufgebaut; rezent(er)e Zeiten sahen auch wieder Zerstörung, so dass der aktuelle Tempel aus dem Jahr 1867, der Zeit der Qing-Dynastie, stammen soll.

Blick auf den Baoning Si, ein wenig in die Luft erhoben
Blick auf den Baoning Si, ein wenig in die Luft erhoben

Sehenswürdigkeiten

Neben der Kuang Chuangzi-Pagode, die wir nicht zu sehen bekamen, gibt es auch andere Sehenswürdigkeiten, von architektonischen zu natürlichen:

Grabtürme, andere Türme und – jedenfalls heutzutage, ich denke nicht, dass sie historischen Wert haben – die Statuen in den Tempelhallen und die Hallen selbst.

Zum Thema Natur, die Quelle, die seit mehr als tausend Jahren niemals versiegt sein soll, der Guanyin-Taro um die Quelle und ein (angeblich) 1000-Jahre-alter Cinnamomum micranthum-Baum.
(Die drei natürlichen Schätze sind übrigens, wie das Schild am Eingang es vermerkt, die “Drei Seltsamkeiten” – nur dass das Chinesisch hier ein Wort verwendet, dass besser als “selten, bemerkenswert, wunderbar” übersetzt würde.)

Die Tausendjährige Quelle und der Guanyin Taro
Die Tausendjährige Quelle und der Guanyin Taro

Der Qinglong Si (青龙寺)

Einen anderen Tag fuhren wir eine andere Strecke, und ich bemerkte gar nicht, wie nahe wir schon wieder am Baoning Si waren, bis wir plötzlich daran vorbeifuhren. Unser letzter Stop an diesem Tag allerdings war ein anderer Tempel gewesen.

Dieser Tempel, der Qinglong Si, wäre noch schwieriger zu besuchen, liegt er doch ausserhalb des hochoffiziell malerischen Fleckens Erde des Jiuxian-Sees und seines touristischen Einflusses.

Dieser “Tempel des Grünen Drachen” liegt allerdings sehr schön am Rande von Reisfeldern, einen Hügel emporkletternd, mit einem Blick auf die nahegelegene “Stadt” Huangfengqiao.

Der Qinglong Si aus der Ferne
Der Qinglong Si aus der Ferne

Keine Vergangenheit, umso mehr Zukunft?

Besonders interessant hier ist jedoch, gerade im Kontrast mit dem nahegelegenen Baoning Si, wie wenig sich über die Geschichte des Tempels erzählen liesse.

Er ist eine neue Gründung und hat dementsprechend (allem Anschein nach) keine Geschichte.

Gleich vor dem Qinglong Si
Gleich vor dem Qinglong Si

Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ist er ein aktiver Tempel.

Als wir hineinkamen, da wurden einige Leute in buddhistischen Roben gerade mit einer Sutrenrezitation fertig, gaben die Gewänder dann zurück und gingen wohl wieder zurück nach Hause und zur Arbeit an Haushalt und Feldern (soweit ich das bemerkte, ohne aufdringlich werden zu wollen, waren die ‘Betenden’ alle ältere Frauen).

Heilige, sehr chinesischer Art

Ich hatte einen Blick durch den gesamten Tempel, bis oben hin.

Der Ausblick von dort war sehr nett…

Der Ausblick vom Qinglong Si
Der Ausblick vom Qinglong Si

…und dort gab es einen anderen interessanten Aspekt zu bemerken und zu bedenken: Dort oben steht nämlich ein kleiner ‘Tempel’, wie üblich.

Nicht so üblich allerdings waren die ‘Heiligenfiguren’ die dort untergebracht waren. Aber, die gibt es im Video zu sehen…

Meine Frau und ich wollten auch hier nicht einfach nur herumlaufen, also gaben wir eine Spende… und prompt landete ihr Name in den Tempelaufzeichnungen als Spenderin und wir waren in einer weiteren “Wenn schon Tempel, dann wird gebetet!”-Situation, mit einer grossen Runde an ‘Opferpapier’ und Räucherwerk.

Mit so viel Hilfe von oben (oder innen?), wie das bringen sollte, geht die Geschichte natürlich weiter…

Und was sagst du?