in dieser Welt heimisch werden

#GetAtHome in Liechtenstein. Erste Eindrücke, Erste Verbindungen

Liechtenstein.

Als einer der europäischen Kleinstaaten und immer noch ein Fürstentum scheint das Land ein Überbleibsel aus einer Zeit, als Stadtstaaten und Königreiche die üblichen politischen Strukturen waren.

Gleichzeitig scheint es, in dieser Zeit voller Menschen, die Sicherheit in starken Anführern und eindeutigen Heimatsinn in Lokalkolorit suchen, ein Vorbild einer möglichen Zukunft.

Wie auch immer dem nun sei, Liechtenstein ist jedenfalls eines meiner Nachbarländer – und kein Ort, in den ich je Fuss gesetzt hatte.

Mit dem Zug ging es gleich am Tag vor Beginn des Programm nach Feldkirch, von dort mit dem Linienbus nach Vaduz, und dann ging ich gleich einmal in das Landesmuseum.

Die Innenstadt von Vaduz von oben

Die Innenstadt von Vaduz von oben

Einmal dort hatte das gleich zwei Erkenntnisse zur Folge:

Erstens, dass ich wirklich schon früher hätte kommen sollen.

Zweitens, dass die Beziehungen zwischen Österreich und Liechtenstein – und Liechtenstein und der Welt – zahlreich sind. Und genau richtig für #GetAtHome, das Sich-Zuhause-Machen.

Es sind nämlich Beziehungen, die nicht bemerkt würden, die nicht gerade aufmerksamkeitsheischend wären.
Beziehungen aber auch, die faszinieren, wenn man sich nur auf ihre Faszination einlässt.

So klein und schon ein Land?

An fängt alles, klischeehaft wie das auch sein mag, mit der blossen Existenz des Landes und einem Bewusstsein dafür.

Liechtenstein ist das viertkleinste der europäischen Zwerg-Länder, und selbst seine Nachbarn in der Schweiz und Österreich würden leicht auf das Land vergessen.

Oder man würde sich bloss daran erinnern, dass nicht nur die Schweiz für Nummernkonten und Steuerfragen berühmt-berüchtigt war, sondern auch Liechtenstein.

Klar, es wäre ein wunderbares Land, um schnell noch ein weiteres Land auf die Liste bereits besuchter Länder zu setzen.
Wer allerdings glaubt, das wäre alles, der würde sich gewaltig täuschen.

Blick nach Süden, mit Kuh

Kuh-Model zum Ausblick. (Liechtenstein hat übrigens Miss-Wahlen. Für Kühe.)

Das Land liegt sehr schön, im Westen des Rheintals in seinem Lauf durch diesen Teil der Alpen.
Es ist klein, aber gerade dadurch ein umso interessanteres Beispiel dafür, was es eigentlich bedeutet, ein Land und eine Nation zu sein.

Es gibt diese Idee, wonach ein Staat ein Stück Land wäre, das sich durch eine gemeinsame Sprache seiner Bewohner auszeichnet. Vielleicht auch “eine Sprache mit einer Armee”.

Viel Glück mit der Idee.

Die Liechtensteiner sprechen einen alemannischen Dialekt, im wesentlichen also eine Art Deutsch (oder deren mehrere, wenn man das genauer betrachtet).

Standarddeutsch ist die offizielle Sprache.

Der Schweizer Franken ist die Landeswährung.

Die Armee wurde 1868 (“aus finanziellen Gründen”) aufgelöst und ohnehin auch davor nur halbherzig aufgestellt, wenn man denn von seinen grösseren Schutzherren dazu gezwungen wurde.

Die wohl berühmteste Anekdote über die liechtensteinische Armee handelt davon, wie sie doch tatsächlich einmal in einen Krieg geschickt wurde.

80 Soldaten zogen in den Kampf.
81 kamen zurück, hatten sie doch auf dem Weg eine Freundschaft geschlossen.

Territorien und Besiedlung, Nation und Welt

Braucht es wirklich einen Staat, um ein besiedeltes Gebiet zu haben?

Heutzutage kommt es einem oft so vor, aber die Gegend von Liechtenstein wurde auch schon vor 8-10000 Jahren besiedelt.

Liechtenstein Landesmuseum zum Thema Besiedlung

Liechtenstein Landesmuseum zum Thema Besiedlung

Selbst als menschliche Technologie kaum so weit war, gegen den Winter anzukommen, lebten hier schon Menschen. Oder missverstehen wir vielleicht, was es zum Überleben braucht?

Lieber alles mit beheizten Häusern und Kanalisation?
Gab es zumindest schon bei den Römern, die hier auch schon zumindest eine Garnison (und Siedlungen?) hatten. Mit Fussbodenheizung, Kanalisation und all dem.
Wein wächst hier auch, der typischerweise auch schon mit den Römern verbreitet wurde.

Und wenn man in Richtung moderner Zeiten denkt?

Liechtenstein war lange Zeit ein armes landwirtschaftlich geprägtes Land.

Und das Liechtenstein Landesmuseum zur Landwirtschaftlichen Vergangenheit des Landes

Und das Liechtenstein Landesmuseum zur landwirtschaftlichen Vergangenheit des Landes

Erst mit der Einrichtung starker Finanzdienstleistungen kam es wirklich zum Aufschwung – aber auch nicht nur damit. Gut 40% des aktuellen BNP werden immerhin von Industrie erwirtschaftet.

An Industrie würde man bei Liechtenstein nicht unbedingt denken, die Namen kennt man aber eher doch: Hilti etwa. Oder Hilcona.

Grösste, wenn auch historische, Überraschung in dem Zusammenhang, für mich: Hier kamen die Curta Rechenmaschinen her (zumindest was deren Produktion anbelangt; ihr Erfinder war ein Wiener Jude… Alles eine längere Geschichte).
Den Teil früher Computergeschichte kannte ich eigentlich nur von William Gibson und seinem Roman “Pattern Recognition”…

Herrscher, Fern und Familiär

Inmitten der nunmehr digitalen Revolution sind wir immer noch fasziniert nicht nur von mechanischen Rechenmaschinen, sondern auch von Königen und Prinzen.

Nun, in Liechtenstein hätte man ein schönes Beispiel für ein Land mit einer parlamentarischen Demokratie, das einen Fürsten als oberste Repräsentanz und Leitung hätte.

Und doch (erst recht?) sind zumindest Besucher sehr willkommen.

Sogar in mehreren Sprachen...

Sogar in mehreren Sprachen…

In typisch europäischer Manier haben diese Herrscher eine interessante Position inne:
Meist waren sie nicht einmal anwesend, sondern repräsentierten ihr Land (bzw. sich selbst?) in der Reichshauptstadt ihrer grösseren Verbündeten.
Die längste Zeit war das, für das Haus Liechtenstein, die K&K-Monarchie Österreich-Ungarn oder zumindest Wien. Tatsächlich ist der Stammsitz, die Burg Liechtenstein praktisch am Rande Wiens, in Maria Enzersdorf.

Ähnlich interessant war, wenn es schon um solche Beziehungen geht, der Blick auf die (früheren) Besitztümer des Hauses Liechtenstein. Dazu zählte etwa die Riegersburg, die ich früher schon einmal besucht habe, die ich aber niemals mit Liechtenstein assoziiert hätte.

Du, Fürst?

Der aktuelle Fürst spricht, wie mir gesagt wurde, immer noch mit ziemlich wienerischem Akzent, ganz anders als seine Untertanen. Und mit “du” würde man ihn und seine Familie (als einzige Liechtensteiner) wohl eher nicht ansprechen… man könnte ihnen aber leicht irgendwo beim Wandern im Wald oder beim Pizzaessen begegnen und gar nicht bemerken, um wen es sich handle.

Der Fürstenfamilie sind wir jedenfalls nicht begegnet, sahen auch nichts von ihnen, als wir uns in die Lüfte über Schloss Vaduz erhoben, aber #FürstlicheMomente und Beziehungen zum Sich-Zuhause-Machen gab es genug – und mit meinem Besuch im Landesmuseum, in dem sich die meisten dieser Verbindungen offenbarten, hatte das Abenteuer kaum begonnen.

Und was sagen Sie?