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Der Stelvio Marathon. Mehr als nur ein “Lauf zum Magischen Pass”

So kam und ging jetzt also auch die Zeit des lang-erwarteten ersten Stelvio Marathon.

Zwei Wochen nach dem Hochkönigman Speed Trail, bei dem ich mich eher wenig vorbereitet gefühlt hatte, eine Woche nach den Outdoor-Aktivitäten in Liechtenstein, bei denen ich mich zumindest wieder gut erholt gefühlt hatte, ging es nun dorthin.

Während Freunde und Kollegen im Outdoor Blogger Network direkt nach Friedrichshafen zur OutDoor unterwegs waren, stieg ich vom Zug dorthin um, in Verbindungen nach Südtirol.

Alt-Österreich, wenn man so will. Mit der Region würde uns immerhin noch mehr verbinden als mit Liechtenstein.

Südtirol. Verbunden, aber nicht ganz.

Die Zugverbindungen waren allerdings etwas seltsam.

Ein Ticket bis zu meinem Ziel konnte ich nicht bekommen; es gibt kaum Ticketautomaten; die Fahrscheine für den lokalen Verbund wären wohl doch an den Trenitalia-Schaltern zu bekommen gewesen obwohl die Trenitalia-Automaten diese nicht ausgeben. (Die Trenitalia-Website hätte auch nicht die richtige Verbindung angezeigt; es brauchte einen Blick auf die Website der Südtiroler Bahn.)

So war die Fahrt über Innsbruck an den Brenner nach Italien, bis Bozen, kein Problem. Über Meran nach Spondinig zu kommen brauchte allerdings seine Zeit und Nerven, und eine leidige Gebühr von 5 Euro kam zum Ticket (um 12,50) auch nach dazu, weil ich es im Zug kaufen musste (der Minuten nach meiner Ankunft schon wieder abfuhr).

Und dann brauchte es auch noch einen Bus, um endlich nach Prad am Stilfser Joch zu gelangen.

Aber gut, schlussendlich kam ich an, fand die Hinweistafeln zum Sportzentrum (beim Campingplatz Kiefernhain), konnte meine Startnummer abholen – und musste erfahren, dass es wohl keinen Platz geben würde, um meinen Rucksack aufzubewahren oder ans Ziel transportieren zu lassen.

Südtirol

Südtirol. Zumindest saftige Landschaft

Dann halt, erst recht, Zeit etwas herumzuspazieren, Eindrücke zu sammeln, und die Sorgen sein zu lassen.

Ich fand einige interessante Plätze und Ausblicke, bewegte mich ein wenig auf den Berg, den wir am Tag darauf hinauflaufen würden, und schliesslich fand ich auch einen Schlafplatz für die Nacht.

Ein etwas seltsamer Platz, wo der Wanderweg nur scheinbar weiter ging, oberhalb einer engen Strassenkurve, ganz gut versteckt und im wesentlichen der einzige flache Untergrund auf der ganzen Strecke bisher.

Prä-Marathon Mikroabenteuer: Wildes Campieren

Wer auch immer meint, ein Schlafplatz wäre immer leicht zu finden?
Wie soll man schon merken, wie gut ein angenehmes Bett sein kann, wenn man es nie vermisst hat?

Es wäre warm genug gewesen, um nur den leichten Schlafsack zu verwenden, aber es schienen doch Moskitos unterwegs zu sein. Also lieber doch das Biwak als Insektenschutz.

Der einzige flache Platz, den ich auf dem Berg finden konnte, war immer noch ein wenig abschüssig. In Kombination mit meiner (nur 3/4-langen) Isomatte bedeutete das einen ziemlichen Knick in meiner Hüfte. Ohne so viel Luft in der Isomatte ging es seltsamerweise erstaunlich gut…

…und ich war so schnell eingeschlafen, wie schon lange nicht mehr um erst am nächsten Morgen zu Sonnenaufgang und Vogelgezwitscher wieder aufzuwachen. Immer noch früh genug, aber mit überraschend gutem Schlaf.

Der Ausblick, zu dem ich dann wieder aufwachte, ober Prad am Silfser Joch

Der Ausblick, zu dem ich dann wieder aufwachte, ober Prad am Silfser Joch

Aber gut, vermutlich soll es hier weniger um meinen Schlaf als um den Marathon gehen (so wichtig Schlaf doch für die Leistungsfähigkeit ist).

Der Stelvio Marathon. Lauf zum Magischen Pass

Bergmarathon Magie

Die Strecke für die Stelvio Marathon-Distanz ist ein wenig seltsam.

Zuerst einmal geht es durch ein 16 km langes ‘Dreieck’ auf vergleichsweise flachem Gelände, das für nichts gut zu sein scheint, als um auf die Gesamtdistanz zu kommen.

Beim tatsächlichen Laufen spielt das wohl schon eine Rolle, aber schon diese Strecke ist es wert, gelaufen zu werden.

Auf die Distanz kommen

Im ersten Abschnitt des Marathons geht es einmal hinaus, an Lichtenberg/Montechiaro und seiner Burgruine vorbei nach Glurns.
Dieser Teil hat hauptsächlich Nebenstrassen und Radwege und geht ganz angenehm abwechslungsreich zum Einlaufen bergauf und bergab.

Glurns selbst sah ganz so aus, als sollte es einfach nur darum seltsam verwinkelt durch den Ort gehen, weil es hier halt (nur) so durch gehen könnte – aber tatsächlich ging es damit durch und entlang von Stadtmauern, die ziemlich faszinierend waren.

Zurück nach Prad, an der zweiten langen Seite des Dreiecks, geht es auf einem Radweg, der ziemlich geradlinig und leicht bergab verläuft, sogar noch mit Radfahrern, die immer wieder vorbei wollen.

Klingt nicht sehr angenehm, aber es war ein schön zu laufender Abschnitt.

Prad/Prato Fischweiher

Prad/Prato Fischweiher

Beim Prader Fischweiher dann geht das Dreieck zu Ende, man kommt wieder zurück nach Prad und bekommt das Ziel in den – weit schweifenden – Blick.

Von Prad, hoch und höher

Endlich durch Prad durchgelaufen, ab km 21 (genau, mit dem halben Marathon schon hinter sich), geht es dann plötzlich ans Klettern.

Stelvio Marathon

Stelvio Marathon… Der Aufstieg beginnt

Und so geht es weiter. Über Trails, sogar enge solche Pfade, über Waldwege und Strassen und auch ein paar eher normale kleine Strassen.

Immer mehr wird der Weg zu einem wirklichen Berg-Trail und plötzlich, nach der Furkelhütte, schreitet man dann wirklich über Steine und Felsen und Almwiesen.

Und man klettert weiter hoch.

Stelvio Marathon

Stelvio Marathon

Und doch ist es gar nicht so schlimm, wie es jetzt wohl klingt.

Der Untergrund ist immer wieder anders. Immer wieder sind es keine Strassen, sondern wirkliche Trails.

Manchmal kommt man an anderen nicht mehr vorbei, weil der Pfad so eng ist.
Manchmal – oft, eigentlich – ist es wohl ein Vorteil, wenn man ein wenig eingebremst, während sich alle in einer Linie empor kämpfen.

Runter zur Franzenshöhe

Erst nach km 31 kommt man zum wesentlichen Bergab dieser ganzen Strecke.

Wieder ist man auf einem Pfad, der mal als Wanderweg, mal Almstrasse, mal richtiger Trail verläuft. Und das für eine schön lange Zeit.

Und als ein schönes Vergnügen, oder zumindest ging es mir damit so. Die Anstiege waren nicht so schlimm wie beim Hochkönigman, ich wurde oft mehr eingebremst, als es mir eigentlich Recht war, und es hatte das wohl alles dazu beigetragen, dass ich mich vergleichsweise fit fühlte.

Bergab ging es dementsprechend, wie es eben ging. Flott.

Stelvio Marathon

Stelvio Marathon

Dieselben Icebug Mist, mit denen ich letztes Jahr schon den Hochkönigman Marathon bestritten hatte (ohne Probleme, als ersten längeren Lauf), die ich im Sommer in China mit hatte und beim Bratislava Marathon dieses Frühjahr (mit dem Resultat einer riesigen Blase) lief, die waren hier wieder perfekt.

Die mittlere Dämpfung war genau richtig für Strasse und Steine, der Grip war die übliche Icebug-Freude und die Passform passte wieder. (Vielleicht lag das Problem in Bratislava ja an den Socken? Gut möglich…)

Gegen km 35 endet der Downhill-Trail dann plötzlich, lässt einen knapp unterhalb der Franzenshöhe auf die Pass-Strasse hinaus, und es beginnt der finale Anstieg.

Kehren auf den Pass

Von der Franzenshöhe auf das Stilfser Joch zum Ziel geht es dann die zahlreichen Kehren, die bei Rad- und Motorradfahrern so beliebt sind, hinauf.

Laufen wollte und konnte hier kaum jemand (zumindest aus meinem Mittelfeld an Teilnehmern) mehr, aber der Weg ist – als Autostrasse – eigentlich relativ flach.

Stelvio Marathon

Stelvio Marathon… der finale Abschnitt

Auf typische Berg-Art hat man allerdings sein Ziel gleich im Blick, man muss aber doch noch lange weiter.

Die Strasse klettert höher und höher und der Weg schlängelt sich herum und herum…

… Und irgendwann merkt man dann, dass die Kehren zurückgezählt werden und man auf Kehre 15 ist… Kehre 10… 5… 1.

Plötzlich die Markierung für die letzten paar Meter, das Ziel.

Geschafft.

Im Ziel des Stelvio Marathon

Im Ziel des Stelvio Marathon

Schon die Blicke von unten hinauf waren schön, von oben im Ziel herab aber sind sie wirklich fantastisch.

Am Stelvio Pass

Am Stelvio Pass (schon wieder in Thunderbolt Henley und Hose und mit meinem Rucksack…)

Die Ortler-Gruppe gegenüber, deren Anblick einen schon lange begleitet hätte, ist da und das Ziel, das so lange so weit entfernt schien, unerreichbar weit, als es vom Talboden aus zu sehen war, das ist erreicht.

Wie war der Stelvio Marathon?

Für mich war das der beste Lauf seit langem.

Zugegeben lag das schon alleine daran, dass keine der erwarteten Probleme aufgetreten waren. Krämpfe schienen sich ankündigen zu wollen, kamen aber auf den doch nicht so steilen Anstiegen dann doch nicht.

Die Ausblicke waren fantastisch, die Erfahrung es wert, die Labestationen für so einen heissen Tag absolut gut platziert und ausgestattet.

Dazu noch die Mischung an Untergründen. Ich hatte sie, vor allem als es um die Schuhwahl ging, eher mit Schrecken betrachtet, aber sie war ein Genuss.

Ach, und mein Rucksack konnte mich auch im Ziel erwarten; die Starterbeutel waren gross genug, dass er gut genug hineinpasste… ;)

Und weiter zur OutDoor

Schlecht war nur, dass ich meine geplante Verbindung nach Friedrichshafen verpasste.

Stimmt so eigentlich gar nicht.

Der Weg hinunter brauchte etwas länger, als gedacht, aber es wäre sich ausgegangen. Nur stand der Fahrplan dann an der Bushaltestelle, an die ich geschickt worden war – mein geplanter Bus aber fuhr von der Bushaltestelle einige Meter weiter, nicht sichtbar, auf der anderen Strassenseite.

Es ging dann also erst mit dem nächsten Bus an den nächsten Bahnhof, schon wieder mit Lokalzügen über Meran nach Innsbruck… und dort konnte ich dann über Nacht am Boden eines Wartehäuschens auf den ersten Zug am nächsten Morgen um knapp vor 5 Uhr warten.

“Nur” zwei weitere Züge und einen Bus später war ich dann bei der Outdoor Friedrichshafen fúr die dort üblichen Marathoneinheiten an Treffen und Erkundungen, was sich in der Ausrüstungswelt so tut – mit wenig Schlaf, aber auf erstaunlich starken Beinen.

Und was sagen Sie?