Rural Hunan. Mao Zedong still watches over...

Auf nach China? Vorbereitungen und Erwartungen für China-Reisen…

Das grosse Problem wenn man schon so oft an einem Ort war, sogar gelebt hat, wie ich in China?
Man vergisst, wie es ist, wenn man sich zum ersten Mal auf eine Reise an diesen seltsamen exotischen Ort entschieden hat und nicht so recht weiss, was man erwarten soll…

China ist für mich zu einer zweiten Heimat geworden, schwierig wie es bleibt.
Und so, in typischer Sich-Zuhause-Machen-Manier, bin ich erst in Gesprächen mit anderen ohne China-Reiseerfahrung darauf gekommen, dass nicht jeder weiss, was man so zu erwarten hat.

Ich selbst hatte mich schon lange mit Ostasien beschäftigt und einiges meines Universitätsstudiums auf den Schwerpunkt ausgelegt. Und trotzdem hatte ich, als ich nach China ging um an einer lokalen Universität Deutsch zu unterrichten, keinen Schimmer, was mich erwarten würde.

Also, will ich mal die Regel brechen, wonach Leute mit längerer Chinaerfahrung nicht mehr über das Land schreiben würden.

(Der Witz erklärt, dass dafür Leute mit kurzer Erfahrung Zeitschriftenartikel über China schrieben; Leute mit Erfahrung aus einem schnellen Wochenende in China schreiben die Bücher.)

China ist definitiv ein Land (und Reiseziel), auf das man sich besser vorbereitet und von dem man gewisse Dinge erwarten sollte, wenn man auch nur mit dem Gedanken einer Reise dorthin spielt…

1: Keine Angst vor der Partei

Man hört als Ausländer, gerade als ‘Westler’, so viel von der Politik in China, so viel von der einen, autoritären Partei, von Menschenrechtsverletzungen, schon das blosse Ansuchen um ein Visum macht Sorgen.

Gut, man wird schon bemerken, dass gewisse Orte eine ziemliche Polizeipräsenz aufweisen.
Am Tiananmen-Platz wird man das auf jeden Fall bemerken.

Sich deswegen Sorgen zu machen wäre allerdings etwa so, als würde man sich auf der Washingtoner Mall und um das White House sorgen, warum bloss Polizei dort wäre.
Es gibt schliesslich nicht nur die (für die meisten Leute, gerade in China, alte) Geschichte rund um Tiananmen, es gibt hier auch die wirklich alte Geschichte dieses Zentrums von Beijing und die Nähe zu Zhongnanhai, dem Regierungsviertel.

Schon vor einer Reise machen viele sich gerne, wie gesagt, Sorgen wegen des Visums.

Nun, weder in China, noch bei der Beantragung aus dem Ausland hatte ich bisher je Probleme. Und ich habe Visa als Tourist, für Arbeitsaufnahme und für Verwandtenbesuche beantragt.

Probleme bekommen typischerweise, meiner Erfahrung nach, maximal Journalisten und andere Personen öffentlichen Interesses; Beziehungen zu den Behörden sind maximal dann wenig erfreulich, wenn man etwas getan hat, was man eben nicht tun sollte (und selbst dann sind sie eher weniger schlimm, als das herkömmliche schreckliche Verhalten von TSA-Agenten oder die Seltsamkeit österreichischer Beamte, die unbedingt Scherze machen müssen).

Aber gut, unter das nicht-tun-sollen kann es zugegeben schon fallen, als Individualtourist nach Tibet kommen zu wollen. Das ist aber auch wieder eine andere Geschichte…

2: Entscheide, welches China du sehen willst

Wo es schon um das Reisen in bestimmte Gebiete geht: Wie viel Zeit man hat und wohin man fährt wird bestimmen, welches China man sieht.

China ist einfach gross genug und vielfältig genug, dass man sich besser im Vorhinein dafür entscheidet, welches China man sehen will. Sonst bleibt man zu leicht einfach an der Oberfläche, und dies ist schliesslich der Blog zum Thema Sich-Zuhause-Machen, also möchte ich, dass ihr tiefer eintaucht und mehr erlebt.

Starry Jiankou Great Wall
Starry Jiankou Great Wall from below Beijingjie towards the North (Jiuyanlou)

Einfaches Beispiel:
Viele Leute erzählen gerne von ihrer Chinaerfahrung, haben aber nur Beijing, Shanghai und vielleicht noch Hong Kong besucht.

Wer immer nur solche meistentwickelte Städte besucht, der wird auch immer nur ein China sehen.

Wobei, genau genommen könnte man auch schon in diesen Städten mehrere China bemerken.

Students paying respect, Beijing Confucius Temple

Man muss nur etwas früher aufstehen und in den nächsten Stadtpark gehen – Klischee wie das auch ist – um ein China zu sehen, das traditionell (und stereotyp) aussieht, mit alten Leuten, die Taiji machen oder Tanz betreiben wie andere ihren Frühsport. Oder man wird auch Leute finden, die Frühsport machen und joggen gehen. Alle möglichen Leute übrigens.
Man muss nur etwas länger aufbleiben und dorthin gehen, wo es in diesen grossen Städten glitzert und glänzend und man wird ein modernes und ausuferndes China sehen, das feiert als gäbe es kein Morgen.

Ein paar Seitenstrassen und “Food Streets” hinunter und da ist wieder Tradition in Form von kleinen Lokalen und Menschenmassen. Oder Ruhe.
Hauptverkehrsader, und es sieht aus, als wäre China nichts als Verkehrschaos und wenige Fussgänger, zu schnell zu weit entwickelt.

Dabei haben wir noch nicht einmal an Städte gedacht, die nicht als erstrangig gelten, geschweige denn aufs Lande geschaut. Es bräuchte dabei nur eine Fahrt mit einem der Hochgeschwindigkeitszüge von einer Stadt zur anderen.
Schon ist man in einer Vielfalt von Menschen, von jungen und hippen über Landeier zu modernen und gebildeten – während draussen ausufernde Städte ebenso vorbeiziehen wie wunderschöne Berglandschaften, bukolische Landschaft und anstrengendste händische Landarbeit zu sehen ist.

3: Organisiere, plane – und rechne mit Überraschungen

Ein grosses Problem damit, mehr von China zu sehen, kommt hier allerdings gleich zum Tragen:

China ist nicht gerade das einfachste Reiseland.

Es gibt selten grössere Probleme; das meine ich nicht.

Klar, man muss auf Taschendiebe aufpassen, es gibt ein paar berühmt-berüchtige Betrügereien gegen Touristen, aber das Land neigt dazu, ein sicheres Ziel zu sein. So sicher jedenfalls, wie man bei Luftverschmutzung und Bodenbelastung sein kann…

Ausserhalb der Städte allerdings wird das Reisen schnell schwieriger.

Die U-Bahnen in den grösseren Städten haben meist Durchsagen auf Englisch und Angaben der Stops in “normaler” Schrift. Man braucht aber nur einen Bus hinaus aus der Stadt suchen und schon wird die Sache schwieriger. Wo kauft man das Ticket und wie; wie findet man den Bus, wenn der Halt nur auf Chinesisch angeschrieben steht?

Man wird wahrscheinlich hilfsbereite Leute finden und zurechtkommen, aber vorzugsweise auch das nur, wenn man sich Zeit lassen kann und auf Überraschungen vorbereitet ist. Überraschungen nämlich wird es geben, zum guten wie zum schlechten.

Damit muss man rechnen. Dementsprechend bucht man besser eine ganze Tour von einem renommierten Veranstalter, wenn man nicht die Zeit hat, sich nicht einlassen will oder kann auf die Schwierigkeiten, den Frust… und die glücklichen Zufälle.

Wahrscheinlich landet man auch so irgendwann z.B. an einer lokalen ländlichen sanitären Einrichtung, wo man im wesentlichen über einem Kanal hockt, eher nur symbolisch von allen anderen abgetrennt.

4: Manage deine Erwartungen

Neben all den praktischen Überlegungen finde ich, dass die Erwartungen und Einstellungen, die man selbst mitbringt, wahrscheinlich die schwierigsten und meist-übersehenen Probleme auf Reisen sind.

China leidet unter diesem Problem, bei allem was wir ständig darüber hören und all der Vielfalt, die das Land in sich birgt, ganz besonders.

Wenn man so viel über Wolkenkratzer und Luftverschmutzung gehört hat, dass man nichts anderes mehr erwartet, dann werden diese wahrscheinlich auffallen.
Wer eine Bevölkerung erwartet, die von einer autoritären Regierung klein gehalten wird, der wird wahrscheinlich auch alle Anzeichen dafür finden, schon in jedem einzelnen Security-Checkpoint in der U-Bahn, auch wenn dieselbe Security beim Flug als ganz normal akzeptiert worden war.
Wer Tradition und grosse Unterschiede zum ‘Westen’ erwartet, der wird eine Menge davon sehen. Aber vielleicht die Moderne mittendrin ebenso weniger beachten wie die Gemeinsamkeiten – oder diese als eine Störung und ach-so-schade empfinden.

Songzhu Temple (Temple Restaurant Beijing)
Songzhu Temple (Temple Restaurant Beijing)

In China, wie in Ostasien allgemein, ist es wirklich gut, sich daran zu erinnern, dass hier der Buddhismus seine Blüte erfahren hat.

Eine Zen-Einstellung des Nicht-Denkens (jedenfalls nicht zu viel ;) ) könnte nämlich helfen.

Was man nämlich auf jeden Fall erwarten muss: Alle Erwartungen werden erfüllt werden. Und von anderen Dingen, wenn man sie nur bemerkt oder indem sie sich aufdrängen, auch wieder komplett zerstört werden.

Es gibt einfach alles hier. Gutes und Schlechtes, Schönes und Hässliches, überraschendes und ewig-gleiches, verschiedenes und gleiches, modern und zurückgeblieben, unterdrückt und ausgelassen.

Alles. Zugleich.

Wie im Leben.

Und nachdem das Leben sich hier oft im Freien abspielt bekommt man eine ganze Menge davon mit. Oft mehr als man sich gewünscht hätte; oft genug mehr und interessanteres, als man es erwartet hätte.

5: Denk an die Basics

Das sollte wohl gar nicht gesagt werden müssen, aber ich möchte nicht über China schreiben und dann vier Ratschläge geben (die 4 gilt schliesslich als Unglücksbringer), also…

Planen und organisieren, was zu planen und organisieren ist, mit genug Zeit als Spielraum. Sich informieren, vielleicht auch versuchen, ein paar Phrasen Chinesisch zu lernen (und ja, der Ratschlag mit den Namen und Adressen von Orten, wo man hin muss und möchte, auf Chinesisch, der ist ein wirklich guter).
Dokumente und Geldmittel sicher verwahren, Impfungen rechtzeitig auffrischen, für die Bedingungen passend packen – und Sich-Heimisch-Machen in dieser Welt.

Oder eben in dieser anderen Welt, die da China heisst.

Und was sagst du?